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Der Wind von Irgendwo – Kapitel 6: Der Himmel weint komplett lesen

Mystery-Roman von Oliver Koch

Der Wind von Irgendwo von Anfang an lesen
Erst Kapitel 5 lesen

Mit dem Abend kam der Wind, der die Hitze wegfegte, und vom Himmel begannen die Sterne zu leuchten. Die Akteure und Komparsen traten auf. Sie kamen aus ihren Häusern – nicht alle gleichzeitig; aus Jasefs Haus kam Jasef selbst, schritt durch die Dunkelheit und die von den Grillen untermalte Stille und klopfte an ein anderes Haus, in dem er kurz verschwand und nach einiger Zeit mit einem Begleiter wieder erschien, um ans nächste Haus zu klopfen; und mit einem Mal war fast das ganze Dorf versammelt.
Ein Feuer wurde angezündet, und die orangeroten Flammen stachen wärmend in den Himmel, und das Universum, ausgebreitet als ruhiges Publikum in schwarzem Stoff und Pailletten, wurde aufmerksam auf den kleinen, strahlenden, flackernden Punkt inmitten der Bühne vor interessiertem Publikum in versteckten Logen.
Eine Tradition wurde fortgeführt: das Feuer! Mehrmals in der Woche wurde es gezündet, und Männer und Frauen begannen zu reden und zu erzählen, und viele Männer und Frauen sahen viele Dinge. Welche, die sie zu deuten nicht in der Lage waren. Welche, die geheimnisumwittert in der Umgebung und den Köpfen der Menschen spukten. Das Feuer war das Herz des Dorfes. Es gab da nichts, was wichtiger gewesen wäre. Es gab da nichts, was aufregender gewesen wäre. Wenn das Feuer inmitten des spinnenartigen Körpers des Dorfes zu knistern begann, schlugen alle Herzen des Dorfs im Gleichklang. Je nach Geschichte langsam und friedlich oder schnell und gehetzt. Dann hetzten Furcht und Aberglaube die ansonsten ruhigen Menschen von einer Paranoia in die nächste.
Nun leckte das Feuer gierig am Holz. Die Gesichter orangerot und flackernd, saßen sie um das Feuer und hörten zu, wie Jasef, einer der alten Männer mit dem Knistern sprach: »Ich spüre Fremdes in unserer Gegend. Etwas ist nicht mehr wie früher.« 
»Was meinst du, was es ist, Jasef?«, fragte jemand.
Dieser schüttelte nur den Kopf. »Ich kann es nicht sagen. Aber ich sage euch: spürt ihr nicht den Atem des Fremden? Habt ihr nicht bemerkt, wie der Himmel in letzter Zeit weint?«
»Ich habe vor einiger Zeit eine dicke Träne niederfallen sehen. Groß und hell.«
»Was will uns nur strafen?«, fragte Jasef in die Runde. »Warum hat der Himmel in den letzten Nächten Tränen über uns verloren? Was machen wir falsch?«
Schweigen brach herein. Jeder hörte das Knistern des Feuers, und hin und wieder gab es ein lautes Knacken, wenn feuchtes Holz zersprang und hunderte von Funken in das schwarze Tuch des Himmels jagten, als wollten sie es entzünden.
Manchmal ächzte und stöhnte das Holz, schnarchte und fauchte – und um das Feuer und die Menschen herum waren tausend Augen von Dingen, vor denen sie sich fürchteten und tausend Augen der Sterne waren über ihnen.
Tief in dieser Dunkelheit sahen sie den kaum erkennbaren Buckel eines riesigen Monsters, das so groß war, dass Bäume darauf wuchsen, das eine Haut aus Erde und Stein besaß und daher nicht zu töten war; das so groß war, dass es eine ganze Höhle als Maul besaß, aus dem es befremdenden Atem hauchte. Dieses monumentale Geschöpf mit den tausend Augen schlief rein äußerlich. Doch niemand bezweifelte, dass darin Grausiges steckte.
»Was Tirata wohl darüber weiß?«, fragte jemand leise. »Kann sie uns sagen, warum der Himmel weint?«
»Vielleicht hat er es ihr gesagt?!«
»Ich höre viele seltsame Stimmen.«
»Ja, hört ihr das Feuer flüstern?«
»Hört ihr den Wind flüstern? Die Bäume?«
»Tirata wird es wissen.«
»Wohin ist Maraim gestern gelaufen?«
Stille.
Jeder sah ihn vor sich, wie er weinend vor ihrem Gelächter in die Nacht gelaufen war.
»Ist er wiedergekommen?«, wollte Jasef wissen, und etwas schnürte ihm wie allen anderen den Magen zusammen. »Habt ihr ihn gesehen?«
Niemand wollte etwas sagen.
»Agatha!«
Agatha sah zu Boden. »Ich habe ihn nicht gehört. Er ist doch so oft so lange allein draußen in der Nacht. Das ist schon immer so gewesen.«
»Und ist er nicht immer seltsamer geworden? War er nicht immer … böse?«
Das Feuer knisterte.
»Was, wenn ES ihn verwandelt hat?«
Keiner wagte zu atmen. Die Luft wurde dick und heiß. Dies war die aufregendste Geschichte seit Langem, und Vieles ging den Leuten durch den Kopf.
Ja, Maraim war immer unflätig und bösartig gewesen, hatte nie am Leben im Dorf teilgenommen, hatte immer nur getrunken und hatte jeden attackiert, der sich ihm in den Weg gestellt hatte. Er war ein Tyrann. Er war wie ein Dämon – und nun war er verschwunden in der Dunkelheit, in der er schon immer gern allein gewesen war.
»Und was«, führte Jasef weiter aus, »wenn Maraim nun dort hin gelaufen ist, wohin er gehört? Mit was hat er gesprochen? Zu wem ist er gelaufen?«
Angst machte die Runde, nahm das Menschenrund um das Feuer gefangen und bildete einen lodernden Zirkel der Furcht.
Jasef sah in die Runde, ein entsetzliches Kribbeln fühlend. »Was ist es?«
Wände schienen auf die Menschen zuzurasen, die Nacht begann zu einem einzelnen monumentalen Geschöpf zu werden, das von allen Seiten auf sie zugekrochen kam. Ihre Herzen pochten im Stakkato, und ihre Häuser waren im Feuerschein düstere Karikaturen des Schutzes, den zu geben sie nur heuchelten. Plötzlich war das Böse überall. Und das brachte das ganze Dorf in Aufruhr. Man sah sich in einem Rudel von Wölfen, wie es schon einmal geschehen war – man hatte sich tagelang verkrochen, während draußen graue Wölfe umhergestreunt waren und Tiere gerissen hatten. Die Menschen hatten in ihren Häusern gesessen und das Schreien der Tiere gehört. Sie hatten die vielen Todeskämpfe durch die Nacht hallen gehört. Die Wölfe hatten die Weidetiere in schrecklichem Ausmaß dezimiert, und seitdem bangte man der Rückkehr der Wölfe mit Schaudern entgegen.
»Der Himmel weint über Maraim«, sagte Jasef schließlich nach langer Pause, in der das Feuer die knisternden Worte der Angst gesprochen hatte, die jeder verstand.
Auch Jessica saß mit am Feuer. War sie eigentlich nur mit zum traditionellen Feuer gegangen, um sich ein wenig von der wundervollen Ruhe einzuhauchen, die sie schläfrig machen sollte, und mit den anderen Kindern irgend etwas zu tun, so war sie nun von der Geschichte über Maraim vollkommen gefesselt. Trotz ihres Alters war sie sich darüber im Klaren, dass sie an Maraims Verschwinden beteiligt gewesen war; er war fortgelaufen wegen ihres Streiches, und nun war er fort, fortgelaufen zu dem, das niemand kannte und jeder fürchtete. Hin zu dem, das in der Nacht, in der Corrin-Höhle lag – denn wo sonst sollte es sich verbergen. Doch Tirata fürchtete sich nicht, sie war nicht unwissend, und Jessica fühlte sich zu all dem hingezogen. Sie dachte sich, dass man vielleicht schweigen musste, wen man von allem wusste. Diese Dinge konnten nur gewissen Menschen vorbehalten sein – und da es üblich war, dass eine Wahrsagerin stets eine Tochter hatte, die ihre Nachfolgerin wurde, fragte sich  Jessica, ob Tirata sie als solche anerkennen würde. Sie wollte es, denn nichts interessierte sie mehr als all die Geheimnisse, über die man so gut wie nie abends am Feuer sprach, auf dem Boden rund um das Feuer sitzend, mit Phantasiegebilden losgelöst wie die auftanzenden Funken. 
Sie wollte mehr über all das erfahren, das auftauchte, wenn die Stimmen der Erzählenden das Rund der Menschen gefangen nahm und sie mit dem unsichtbaren Band der Neugier verband. Wenn man das Gefühl hatte, allein in einem gewaltigen Magen eines viel gewaltigeren Molochs zu sein, den das spärliche Feuer nicht auszuleuchten vermochte; wenn einen das Gefühl übermannte, auf einer Welt auf bestimmte Weise allein und verloren zu sein, umgeben von finsteren Dingen, jedoch wissend, dass dennoch nichts geschah und man in die sichere Hülle seines Hauses zurückkehren konnte, wie sollte man das nennen? Gab es ein Wort dafür? Wenn jemand das wusste, dann war das Tirata, und Jessica war willens, daran teilzuhaben.
Sie konnte sich daran erinnern, dass sie einmal an einem Feuer gesessen hatte, das wegen Regens in einer großen Scheunen stattgefunden hatte. Das Feuer war winzig gewesen im Gegensatz zu jenen, die draußen gezündet würden, die Scheune sollte kein Feuer fangen. Wieder hatte es einen Redner gegeben, der gesprochen hatte, während Regen rauschend auf das Dach geschlagen, an dem Dach heruntergelaufen und zu Boden gefallen war. Dieses Hintergrundrauschen hatte alle beruhigt und ihre Glieder waren bleischwer geworden. Das, was der Mann gesagt hatte, war durch die Scheune geschwebt wie der Rauch des Feuers, der sich den Weg durch einige hochgelegene Öffnungen in den Wänden kurz unter der Decke gesucht hatte.
»Ich habe letzte Nacht einen merkwürdigen Traum gehabt.«, hatte der Mann begonnen, und Jessica wusste die Worte noch, so hypnotisch, wie sie in der damaligen Atmosphäre erschienen waren.
»Ich träumte von Menschen fernab von uns. Ich träumte, wir wären nicht allein. Große Vögel flogen über das Land, einen gewittrigen Himmel mit sich bringend. Und ich bin der Überzeugung, dass in der Corrin-Höhle Unaussprechliches ist.«
»Was sollte denn Unaussprechliches dort sein?«, wollte Lorn wissen, an den sich Jessica lehnte. Ihr Blick ruhte auf einem ledernen Pferdehalfter, der an einem Balken hing. Sie blickte durch die Scheune, die das Abbild ihrer Welt darstellte, ihrer Existenz. Alles, was ihr Leben ausmachte, alles, woran sie dachte, wenn sie morgens erwachte, war hier vereint; hier war Heu, in dem man spielte unter dem man herkroch und sich versteckte; hier war Holz, in dem man wohnte und mit dem man lebte; hier schlug für dieses Abend das Herz des Dorfes; hier waren zurzeit ihre Angehörige und Freunde. Die Scheune war zweistöckig – unten waren die Ställe für die Tiere, die nur winters dort standen. Hier standen Geräte für Garten- und Ackerbau, Riemen und Halfter.
Oben, gehalten von teils morschem Holz, war die zweite Ebene, auf der Heu lag, und auf die man sich so gut wie nie wagte, weil dort Geister umgehen sollten. Weil es dort oben gefährlich war und weil es dort oben niemanden gab, der einen hätte beobachten können. Hier herrschte Sturzgefahr, aber jeder, obgleich man sich fürchtete, war neugierig und hoffte nur, den Mumm zu haben, sich dort oben zu verstecken und allen zu beweisen, dass nichts dort oben war. Bei den Kindern galt das Heraufklettern als Mutprobe, die nur die wenigsten bestanden.
»Das Unaussprechliche kann ich nicht beschreiben«, sagte der Mann. »Seltsam aber, denn seit meinem Traum habe ich das Gefühl, dass nicht mehr alles so ist, wie es war.«
Nun machte sich Jessica abermals Gedanken darüber, mehr zu erfahren. Sie wollte auf den Dachboden der Scheune! Und wenn möglich, dann auch noch auf das Dach!
Als habe es das Schicksal so gewollt, dachte Mark an Sarah, und diese kam, setzte sich zu ihm und lächelte. Dieses Lächeln!
Er freute sich darüber, dass sie kam, doch mit einem Zwicken im Magen hielt er nach Tsam Ausschau und war erleichtert, als er ihn nicht fand.
Beide hörten zu, was Jasef zu sagen hatte.
»Warum weint der Himmel über Maraim, wenn er Böses im Schilde führt?«, wollte eine Frau wissen.
»Er weint über den Verlust einer Seele. Oder er weint über uns.«
Schlagartiges Staunen. Schweigen.
Nur das Feuer knisterte und knackte.
»Warum sollte der Himmel über uns weinen?«, fragte die selbe Frau etwas leiser.
»Weil wir uns schuldig gemacht haben.«
Die Worte hingen wie Gewitterwolken über dem Rund, und Wind trieb die Flammen zu wildem Zucken.
»Wessen?«
»Das weiß nur Tirata. Wenn der Himmel weint, dann lügt er nicht.«
»Vielleicht beweint der Himmel unsere Feigheit. Unsere Feigheit vor dem Fremden. Unsere Feigheit, dass wir nicht nach Maraim suchen. Vielleicht weint der Himmel, weil wir uns nicht in die Corrin-Höhle trauen.«
Die Männer und Frauen blickten einander nervös an.
»Was sollen wir dort? Außer Tirata ist nie jemand von uns dort gewesen.«
»Eben«, meinte Matia, ein junger Mann, plötzlich. »Vielleicht ist es ein Zeichen des Himmels, dass wir uns trauen sollen. Kennt ihr nicht das Buch?«
Natürlich kannte es jeder. Das Buch, das nur Tirata lesen konnte, das Buch mit viel Papier, dünnem Papier, auf dem viel stand , in zwei Blöcken nebeneinander pro Seite, auf vier Blöcken pro Doppelseite. Morkus nannte dieses Buch sein Eigen, und er hatte Grund, stolz darauf zu sein. Dieses Buch war das einzige im Dorf abgesehen von denen, die Tirata besaß. Es war ihm vererbt worden, denn seine Familie besaß das Buch schon länger, als jeder im Dorf denken konnte; selbst Tirata hatte einmal gesagt: »Dieses Buch ist vor der Zeit unserer Häuser entstanden.«
Niemand wusste, woher es kam, und das machte es wertvoll. Und nur Tirata hatte es gelesen, wie die Wahrsagerinnen vor ihr, und alles, was sie gesagt hatte, war: »Dieses Buch ist heilig.« Und als ein solches wurde es auch behandelt. Morkus war stolz – so sehr, dass er es oft herausnahm und betrachtete und es längst nicht jedem zeigte. Die Bilder darin reizten ihn besonders, und obwohl die Farben der ganzseitigen Bilder schon ausgeblichen waren und die Ränder der Seiten Gelb und Kräusel aufwiesen, hatten sie noch Pracht und Schönheit. Er verstand die Bilder nicht, aber die waren magisch. Sie waren meist wunderschön, manchmal auch grausam. 
Er sagte: »Ich habe sie mir oft angesehen, auch gestern wieder. Jedes einzelne. Und eines war dabei, das mir sagt, dass der Himmel tatsächlich weint, weil wir in die Corrin-Höhle gehen sollen, es aber nicht tun. Ich hole es.«  So stand er auf und ging. In der Zeit war es still ums Feuer, und jeder gab sich seinen Gedanken hin, und in Mark brodelte es. 
Ja, warum sollten alle Verbote weiterhin Verbote bleiben? Warum sollten Höhlen mit ihren Geheimnissen gemieden werden? Was war das Geheimnis tief im Innern der Corrin-Höhle, und warum sollte man nicht mutig sein? Er sah Sarah in die Augen, und es lag wieder eine unaussprechliche Faszination in ihrem Gesicht, in ihrem Haar und überall an ihr, eine Faszination, die nur tief im Innern gespürt werden konnte. Der Wind, der um sie hauchte, blies ihnen beschwörende Formeln ins Ohr, und das Knistern des Feuers war wie das flüsternde Kichern von Voyeuren. Der Ansporn ließ ihn über sich hinauswachsen. Bevor sie sich versahen, küssten sie sich. Sie wussten nicht, warum sie es taten, aber sie wussten, dass sie es tun mussten, weil ihnen keine Wahl blieb. Sie gingen in die Dunkelheit hinter eine entlegene Scheune, wo sie sich zu Boden fallen ließen und sich gedankenlos die Kleider abstreiften. Die Finger des jeweils anderen, das Gras und der Wind ließen sie bis in die kleinste Faser vibrieren. Mark war wie von Sinnen. Ohne darüber nachzudenken tat er, was er tun musste, ohne zu wissen, wie leidenschaftlich, aber zugleich auch wie mechanisch er seiner Liebe freien Lauf ließ. Er vergaß alles um sich herum und sollte später nur noch eines wissen: wenn man tatsächlich in die Höhle gehen wollte, würde er dabei sein!
Währenddessen kam Morkus mit dem Buch zurück und setzte sich, das Buch betrachtend. Es sah bei Feuerschein noch faszinierender aus als bei Tag. Der Einband war aus altem, mittlerweile hartem Leder. Alle Augen sahen darauf, und das Rund brach auseinander. Man rottete sich zusammen, um das Buch zu betrachten, denn nicht jeder hatte es schon einmal gesehen – wurde es doch als Morkus‘ wertvollster Schatz bestens behütet.
Der Umschlag war alt und verfärbt. Wasser hatte das Leder wellig gemacht und aus der Form gebracht, und das Dunkelrot war nur noch ein fleckiges und ausgefärbtes Fragment. 
Das Buch war schwer, dick und so groß wie vier Handflächen. Es lag im Schoß des stolzen Besitzers, der eine Seite aufschlug, wo die Seiten eine seiner Finger einklemmten. Es offenbarte sich den Neugierigen eine Doppelseite, deren rechte Hälfte unverstandene Schrift, deren linke Hälfte ein farbenprächtiges Bild zeigte. Morkus wies darauf. »Da, seht, da, seht. Soll das etwa heißen, dass wir uns von der Höhle fernhalten sollen?«
Alle betrachteten sie das Bild gespannt, und man schob sich gegenseitig zur Seite, um einen Blick darauf werfen zu können. Es zeigte im Hintergrund eine Höhle, deren schwarzer Schlund in die Tiefen eines gezeichneten Berges hinein zeigte. Umrahmt war sie von einigen Bäumen, wie es auch die Corrin-Höhle war. Aus ihrer Richtung kam ein Mann mit weißen Gesichtszügen, langen Haaren und einem Gewand, um den Kopf einen leuchtend-gelben Kreis tragend, den niemand zu deuten verstand, und er hielt seine Hände nach vorn, die in ihren Mitten Wunden zeigten. Das Bild war von umwerfender Anmut und Pracht. Es zeigte zudem eine Frau, die ihn verwundert und verängstigt ansah.
»Wir müssen in die Höhle hinein«, beschwor Morkus. »Wir müssen dorthin. Seht doch.« Wie sehr ihn doch das Bild in den Bann schlug, wie schon viele Male zuvor! Er wusste nicht, wozu es gemalt worden war und wen es darstellte, aber eines war für ihn unwiderruflich: »Ich glaube nicht, dass dieser Mann böse ist, der da aus der Höhle kam. Seht ihr nicht das Zeichen?«
Jeder sah das Bild und brachte es in Verbindung mit seiner eigenen Angst.
»Die Frau erschrickt sich aber«, merkte jemand an.
»Weil sie nicht wusste, dass in der Höhle etwas ist«, meinte Morkus. »Sie war wie wir, und nun kann sie es nicht fassen, dass sie sich geirrt hat.«
»Nein«, sagte jemand entschieden. »Das ist ein Zeichen, dass wir heraus bleiben sollen. Die Frau hat Angst vor dem Mann aus der Höhle. Ich werde nicht gehen.«
Leise Zustimmung fraß sich durch die Runde, und eingenommen von Furcht verteilte man sich wieder am Feuer, der Kreis wurde wieder aufgebaut, und nichts Fremdes von außen wurde eingelassen.
Und weitab von dem, weitab vom Kreis und den anderen lag Mark mit Sarah hinter der Scheune und lernte, ein Mann zu sein, lernte, Vergnügen dabei zu empfinden und fühlte sich schwebend, als Sarah plötzlich aufschreckte. 
»Was ist los?«, wollte Mark wissen.
»Sieh doch«, meinte sie angsterfüllt und mit bebender Stimme.
Mark sah in den Himmel, in den sie zeigte und sah eine Träne niederfallen, eine große, dicke Träne, und kurz darauf wieder eine weitere.
Sarah wich zurück, und Mark trat der Angstschweiß aus den Poren. »Der Himmel weint«, entfuhr es ihm, und sein Magen wollte ihm explodieren. »Oh nein, was haben wir getan? Was haben wir getan?« Er sprang auf und lief davon. Sarah, die hinter ihm herrief und sich aufrichtete, hörte er in seiner Panik nicht mehr, und er lief zum Rund und um das Feuer und schrie: »Der Himmel hat geweint! Der Himmel! Der Himmel hat geweint!«
Alle sahen auf, und der Schrecken saß allen in den Gliedern. Lorn fragte: »Bist du sicher?«
Mark zitterte. »Ich habe eine Träne gesehen, und Sarah auch. Wir haben es beide gesehen!«
Man kauerte sich aneinander.
»Was hat das zu bedeuten?«
»Das ist ein Zeichen. Wir werden Tirata fragen müssen. Der Himmel weinte, als ihr meintet, dass das Bild in meinem Buch kein Zeichen zum Betreten der Corrin-Höhle ist.«
»Wenn Tirata sagt, dass wir gehen sollen, werden wir gehen.«
Und Mark setzte sich hin, starrte ins Feuer und spürte das erste Mal in seinem Leben Panik und war sich sicher, vom Himmel ein Zeichen bekommen zu haben, das ihm Angst machte. Er musste einen Fehler gemacht haben. 
Der Himmel weinte nicht ohne Grund.

Ende des 6. Kapitels – Der Wind von Irgendwo geht weiter mit Kapitel 7: Ein neuer Tag

5 Comments

  1. Fantasy, oh Fantasy.

    Jetzt springt im wahrsten Sinne des Wortes der Funke über.
    Mit den Bewohnern des Dorfes habe ich am Lagerfeuer gesessen, um darauf zu warten, dass ich einen Blicken das einzige Buch des Dorfes werfen kann.

    Jetzt mal im Ernst. Was wäre das für ein Horror, in einem Dorf zu leben, in dem es keine Bücher gibt.
    Voller Spannung warte ich auf das nächste Kapitel. Werden die Bewohner in die Höhlen gehen oder nicht? Was wird Tirata dazu sagen?

    Wieder bedanke ich mich für die unterhaltsame Story.

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