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Der Wind von Irgendwo – Kapitel 11: Die Geißel der Angst komplett lesen

Mystery-Roman von Oliver Koch

Der Wind von Irgendwo von Anfang an lesen
Erst Kapitel 10 lesen

Der nächste Morgen begann mit ungewohnter Nervosität.
Männer und Frauen strichen wie abgefallene Blätter durch das Dorf und änderten immerzu ihre Richtung. Mark spürte, dass etwas vorgefallen sein musste – und das allein schon war etwas Bedeutsames, denn in diesem Dorf geschah nie etwas.
Er war durch Stimmen von draußen geweckt worden; ein höchst seltsamer Umstand. Er bemerkte, dass draußen ein starker Wind ging, der um das Haus pfiff. 
Mark sah zu Jessicas leerem Bett hinüber und ließ seinen Blick eine Zeitlang dort haften. Erstmals wusste er, dass Jessica die ganze Nacht über nicht in ihrem Bett gelegen hatte. 
Stattdessen hatte sie die Nacht in diesem Haus der Wahrsagerin verbracht. Instinktiv fragte er sich, was Jessica dort wohl vorfand. Das Haus war so brüchig, dass seine Zeit wohl bald kommen musste. Und was tat Jessica dann? Ins Dorf würde sie nicht mehr zurück kommen können als eine von ihnen, schließlich war sie nun eine Geheimnisvolle geworden, und Mark konnte diesen Gedanken kaum klar fassen.
Er stand auf und blickte aus dem Fenster nach draußen. Dort unten sprachen einige Leute aus dem Dorf wild miteinander, auch sein Vater war unter ihnen. Mark sah trotz der Entfernung aus ihren Zügen Entsetzen, und sein Magen begann vor Aufregung zu jucken.Mit Grauen dachte er daran, dass man Maraims Leiche gefunden haben mochte, weit ab in einem Feld. In gewisser Weise hatten sie alle gemordet und einen Menschen auf dem Gewissen, das wusste jeder. Die Vorstellung von Maraims Rückkehr als lebender Toter, der an Ihnen Rache nahm, nistete sich in seinem Kopf ein und wich nicht mehr.
Gleichzeitig kam ihm ein weiterer Gedanke: Dass man nämlich damit begonnen hatte, Jessica zu töten, denn sie wandten sich von ihr ab wie von Maraim. Wer nicht dazu gehörte, wurde verjagt oder gemieden!
Ekel kam in ihm auf, doch seine Neugier war stärker. Er wollte erfahren, was geschehen war. So lief er hinaus, nur mit einer kurzen Hose bekleidet, die er zum Schlafen getragen hatte und gesellte sich zu der Gruppe.
Der Wind war heftig, und es war dermaßen kühler geworden, dass Mark sogar ein wenig fror. »Was ist denn los?«, fragte er und sah in die Runde. Aus dem hektischen Durcheinanderreden bekam er Wortfetzen mit wie: »Jetzt holen sie uns.«
»Sie werden keine Gnade mehr kennen.«
»Erst die Tiere, dann wir.«
»Was tragen wir doch alle für eine Schuld in uns.«
Mark erhob die Stimme. »Aber was ist denn los? Was, um alles in der Welt, ist passiert?«
Mark traute seinen Augen nicht. So etwas hatte er noch nie gesehen. Da er sich Derartiges auch nie hatte vorstellen können, fehlten ihm jegliche Worte. Keine Frage, hier war tatsächlich etwas vorgefallen, und wer oder was dies hier angerichtet hatte, für das hatte niemand im Dorf einen Namen. Im Dorf kannte man Wahnsinn lediglich aus Erzählungen, die so furchterregend waren, dass viele Kinder sich vom abendlichen Feuer lösten und nichts mehr hören wollten, und auch den Erwachsenen trieb es den Angstschweiß auf die Stirn.
Er stand mit über der Hälfte des Dorfes auf einer Weide in einiger Entfernung des Dorfes, auf der Kühe gestanden hatten – nun lagen sie auf dem Boden, dahin geschlachtet mit Rissen in ihren Körpern. Aus einigen hingen die Gedärme heraus wie ein Haufen rosiger Würmer. Einigen fehlte der Kopf, und rund um die etwa zehn Kadaver war die Wiese von riesigen Blutseen getränkt. Die übrig gebliebenen Kühe standen wie verloren abseits der Gruppe aus dem Dorf, die fassungslos dastand.
Einige Frauen weinten, denn hier lagen mehr als nur zehn Kühe auf der Weide – hier lagen auch kostbare Vorräte, und wer konnte so grausam sein, dem Dorf einen solchen Schaden zuzufügen? Die Kühe waren regelrecht zerstückelt, andere zur Hälfte ausgenommen … und auch jeder aus dem Dorf schon einmal beim Ausnehmen eines Tieres zugesehen oder mitgemacht hatte, so unterschied es sich erheblich von dem, was sie hier sahen.
Schweigend machte Mark sich auf den Rückweg, neben ihm schritt Jalia, eine Frau fortgeschrittenen Alters, und sie weinte leise in den Wind hinein. Neben ihr ging ihr Mann Mika mit starrem Blick.
Mark wollte ein Wort sagen, wollte zu ihnen sprechen, doch ihm fehlten die Worte. Auch er hatte Angst, eine Angst, die noch nie so ergreifbar wie nun. Der Himmel wurde zu einer brüchige Glocke, da das, was außerhalb ihrer war, immer heftiger gegen sie stieß.
Jessica, was weißt du nur, dachte er sich, und er wusste nicht, was er von allem halten sollte. Nur wusste ihm endgültig klar; dass nichts mehr so wie früher war. Was ihm nicht klar war, war die Frage: Warum?
Der Tag begann und verlief schweigend. Mit dem Leben der Kühe hatte man den Dorfbewohnern auch die Stimme geraubt, und so blieb es bis in die Nacht, vor der sich alle fürchteten. Schließlich war auch das, was die Kühe getötet hatte, in der Nacht gekommen. Nun fürchteten sie auch den neugierigen Blick der Augen des Himmels, die auf sie herabblickten. Man aß schweigend, begegnete sich schweigend, und mit den verstreichenden Stunden wurde für alle klar, dass man sich an ihnen rächte. Mark ging mit schnellen Schritten und klopfendem Herzen zu Tsam. Er klopfte an die Tür des Hauses, trat ein und fand es leer vor. Wind huschte hinein und wirbelte Staub auf, und als Mark die Tür schloss, wurde es totenstill.
Mark sah sich um und rief Tsam, kurz und leise, als galt es, einen schlafenden Riesen der Rache nicht zu wecken und auf das Haus aufmerksam zu machen,
Wie oft war Mark schon in diesem Haus gewesen, und wie oft hatte er es leer vorgefunden. Wie oft war er durch die Räume gegangen, da er gedacht hatte, Tsam auf seinem Bett schlafend vorzufinden. Einmal hatte er Tsam dabei beim Onanieren überrascht, und Tsam hatte zwei ganze Tage nicht mit ihm gesprochen, so dass er sich nun wenigstens anmeldete, wenn er das Haus betrat.
»Tsam?«
Niemals  war das Haus so verlassen, so leer erschienen, so still und staubig. Dies war das Haus, das alle Schuld trug, Hier war das Zentrum der Schuld des Dorfes. Hier klaffte ein Loch, das in die tiefsten Abgründe der Hölle zeigte.
Da hörte er leise, schlurfende Schritte, die anmuteten wie die eines Verletzten, und Tsam erschien wie ein Geist.
Mark erschrak, als er seinen Freund sah. Um sie herum regierte neben der Stille das Heulen des Windes und sonst Schweigen.
Mark trat einen Schritt vor.
In Tsam Augen standen Tränen.. »Weißt du, was das Dorf glaubt?«, fragte Tsam, und seine Worte schienen aus dem Jenseits zu kommen. »Sie glauben, dass jemand zurückkehrt.« Tränen rannen ihm über die Wangen. »Dass …« Er schluchzte ein paar Mal. »… dass Maraim zurückkommt!« Keuchend holte er Luft und stieß einen erstickten Laut aus. »Dass er sich an uns rächt! Dafür, dass wir ihn vertrieben haben!«
Beide warfen sich weinend in die Arme des anderen »Was haben wir getan?« fragte Mark zitternd. »Was haben wir nur getan? Wir haben das Dorf ins Unglück gestürzt! Wir haben alles zerstört!«
So standen sie da und hielten sich fest. 
»Was sollen wir tun?«, wollte Tsam nach einigen Minuten wissen, und langsam trennten sie sich voneinander. 
»Jedenfalls nichts überstürzen«, entgegnete Mark, und er erläuterte, dass nicht nur sie beide die Schuld treffen konnte. Es war das Dorf, denn wenn nicht alle gelacht hätten, wäre der Streich geahndet worden. Aber so hatten die Kinder, allen voran Mark und Tsam, den stillen Willen des ganzen Dorfes in die Tat umgesetzt, ohne sich etwas dabei gedacht zu haben. »Wir haben ihm nur seine Fiesheiten heimzahlen wollen. Wir wollten ihn nicht vertreiben.«
»Wir haben es aber getan!«
»Aber nicht allein! Alle haben gelacht! Alle haben ihn ausgelacht, alle haben es ihm gegönnt!«
»Aber er war mein Bruder! Er war aber mein Bruder! Mein Bruder!« Er klammerte sich erneut an Mark, in dem nun ein Gedanke keimte: Jessica zu helfen!
Als Tsam sich von ihm löste, sagte er: »Wenn doch wieder letztes Jahr wäre.«
Das Haus war und blieb still, alle waren auf der Weide und schafften die Kadaver fort. Es galt, sie zu verbrennen, um sie aus dem Blickfeld zu schaffen und das Böse gleich mit zu verbrennen.
»Das Haus wird heute vernagelt«, schluchzte Tsam. »Wenn Maraim kommen sollte, hat man Angst vor ihm, und er soll nicht hereinkommen.« 
»Und das wegen eines Spaßes. Du kannst heute Nacht bei mir schla-  …« Er schluckte. »Jessicas Bett ist frei.« Er setzte sich und sah zu Boden. »Dann sind wir beiden heute Nacht nicht allein.«
Tsam nickte stumm und dankbar.

Als es Abend wurde, flammte erneut ein Feuer auf. Diesmal jedoch versammelte man sich in der großen Scheune, wo man bei Regen das allabendliche Rund abhielt. Von der sonst vorherrschenden ausgelassenen Stimmung war nichts zu spüren. Stattdessen drängten sich alle zusammen und schlossen den Kreis eng um das Feuer herum, das geisterhafte Gesichter beschien. Es war, als seien die Toten auferstanden, um sich zu betrauern. Sie alle sahen eine dunkle, furchterregende Gestalt umherlaufen, wie sie von den Bergen oder aus dem Wald oder aus der Höhle zum Dorf kam mit schlurfenden Schritten, triefnass, glibberig vom Matsch und begleitet von einer Armee von Tausenden Kröten. Sie alle hatten aus Furcht davor ihre Fenster vernagelt oder schwere Möbel oder Wagen davor gestellt. Sie alle würden kaum schlafen in dieser Nacht, und in fast jedem Haus sollte es eine Wache geben, die Alarm schlug, wenn Maraim rächend zurückkehren sollte. Man hatte Ziegen, Schafe und Gänse in die Häuser geholt und sich Forken und Hacken neben die Betten gestellt.
Wind heulte um die Scheune, und alle sie schweigend da. 
»Der Mann aus dem Buch«, begann Morkus schließlich nach Weile doch, »war wohl doch nicht der gute Geist, den ich herbeisehnte. Er ist wohl ein Monster.«
»Er ist ein wandelnder Toter«, sagte ein anderer, und sofort rückte man näher zusammen. Maraim zog draußen seine Bahn um das Dorf, da waren sie sicher.
»Wir brauchen Tirata. Sie wird uns sagen, was zu tun ist.«
Zehn Mann zogen aus, um sie zu holen. Sie waren bewaffnet, mit Fackeln bestückt, obgleich es noch hell genug war, um die Umgebung zu erkennen. Das Haus Tiratas stand da, umgeben von den Bäumen, die sich in den Himmel reckten. Die Männer folgten dem Pfad und blickten andächtig nach vorn, und das Haus, war für sie mittlerweile eine Art Zuflucht. Etwas Heiliges ging von dem Haus aus, und sie gedachten einer Tradition, die vor sehr langer Zeit in großen Häusern gepflegt worden war, in einem Steinquader Relikte heiliger Männer aufzubewahren. Man hatte diese angefleht, dass sie einem helfen mochten in der Not. Und Tirata war in diesem Quader aus Stein vor ihnen und sollte ihre Bitten erhören.
»Wir haben große Angst«, sagten sie ihr, als einer bei ihr angeklopft und Jessica ihnen geöffnet hatte. »Wir brauchen deinen Rat, dringender als je zuvor.«
Und Tirata hatte Jessica zu sich gewinkt und hatte die Männer in ihrem Beisein zur Scheune begleitet.
Die Männer, Frauen und Kinder ließen erschrocken ihre Köpfe auffahren, als die Scheunentür sich öffnete. Tirata kam herein, Jessica neben sich und sah in die Runde. »Angst habt ihr. Angst vor der Rache der Toten. Warum? Habt ihr ein schlechtes Gewissen?«
Mark sah wie alle anderen beschämt zu Boden, und Tsam konnte kaum noch atmen. »Ich habe von den Kühen gehört. Ihr habt sie verbrannt. Ihr habt eure Häuser verbarrikadiert. Und ihr stellt Wachen auf. Wegen der Rache der Toten.«
Das Feuer zuckte wild hin und her, und der Wind pfiff durch die Ritzen. 
»Seht nach vorn«, riet Tirata lautstark. »Beugt euch dem Wind, denn er wird auf euch zukommen.«
»Aber er wird uns töten!«
»Er wird uns ein Loch in unser Leben blasen!«
Tirata schien jeden einzelnen von ihnen betrachten zu wollen, während das Feuer knisterte. »Der Wind ist mehr als nur eine Legende. Spürt ihr nicht schon seine Kraft? Wie seine Vorboten euch an den Haaren ziehen? Ihr könnt euch ihm nicht entziehen, weder mit Barrikaden noch mit Wagen, weder mit Möbeln vor den Türen, noch mit Feuer noch mit Hacken. Er wird kommen. Vielleicht schon heute Nacht. Er wird sich euch bald zeigen. Geht in die Höhle und seht dem Schrecken in die Augen. Die Macht, die um euch ist, ist zu stark und zu groß für euch. Fügt euch dieser Macht und tut, was sie sagt, dann wird euch nichts Schlimmes geschehen. Fügt euch schnell, werft euch auf den Boden und lasst den Wind von Irgendwo über euch hinwegfegen, umso schneller ist er fort. Und nehmt an, was er euch hinterlässt. Es wäre nur einfacher für euch. Und Lorn.«
Lorn sah erschrocken auf, und sein Blut war wie Eiswasser.
»Deine Tochter ist ein gutes Kind. Und sie ist noch ein Kind und auch noch deine Tochter, ob du willst oder nicht. Du aber bist ein Barbar und schlechter Vater. Und du bist nicht besser, Weib. Euch soll der Wind von Irgendwo Steine in eure Gesichter schlagen, auf dass ihr entstellt und hässlich euch im Haus einschließt, um niemandem mit eurem widerlichem Anblick einen Schreck einzujagen. Ihr seid Abschaum, und ihr seid mehr Kind als Jessica. Ihr alle seid mehr Kind als Jessica.« Nach diesen Worten drehte sie sich um, und Jessica warf einen traurigen Blick auf ihre Eltern, die mit Tränen in den Augen ihr nachsahen.
So gern Jessica auch wissen wollte, was die Welt im Innersten zusammenhielt und bei Tirata war, so sehr sehnte sie sich danach, in ihrem eigenen Bett schlafen zu können, das in ihrem Elternhaus stand.
Doch der Wind blies sie davon fort.

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