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Der Wind von Irgendwo – Kapitel 10: Beginn einer Odyssee komplett lesen

Mystery-Roman von Oliver Koch

Der Wind von Irgendwo von Anfang an lesen
Erst Kapitel 9 lesen

Wind strich über die Landschaft und brachte ersehnte Abkühlung. Er strich über die Landschaft wie schon seit Jahrtausenden zuvor, als die Berge noch schroffer gewesen waren. Der Wind formte die Landschaft, und er war wie ein schwer arbeitender Mann, der die Berge zu Hügeln abtrug, der Sand mit sich trug und so manche Skulptur schuf. Der Wind strich und strich und machte aus der Landschaft in Jahren, die kein Mensch zu überblicken vermochte, eine neue, eine sanftere; Höhlen und Gänge wurden gefräst, Steine geschliffen und ausgehöhlt, und in einer enormen Zeitspanne dann gingen die Steine in Wind über. Nichts trotzte ihm, nichts konnte sich ihm entziehen, wenn er, die Welt verändernd, über sie hinwegstrich und schliff und feilte, als wäre er mit der Welt nicht zufrieden. Der Wind war ein Künstler, der Jahrmilliarden lang schuf und schliff, und der, niemals mit dem zufrieden, was er schuf, stets damit beschäftigt war, seine Schöpfung perfekter werden zu lassen. So wie er schroffe Bergspitzen abtrug, so erschuf er auch so manche spitze Felsenkante, die dünner und dünner wurde und immer mehr anmutete wie eine schäumende Welle in brandender See.
Der Wind sollte erst dann zufrieden sein, wenn das Ende aller Tage gekommen war und nichts mehr da sein sollte, das es zu schleifen galt – wenn die Skulptur im Feuer der Zerstörung und Neuschöpfung geschmolzen und als Festes verlorengegangen war; erst dann sollte es keinen Wind mehr geben, der über die Lande strich und schuf und schliff und feilte und höhlte. Mit dem Vergehen der Skulptur verging auch der Künstler und würde dennoch nie versiegen, wenn ein anderer Teil von ihm ferne und unbekannte Skulpturen schliff über Milliarden von Jahren. Der Wind war unermüdlich und unsterblich, er, der Künstler von Skulpturen, deren Gesicht sich stets veränderte mit Epochen und Neuerungen. 
Auch nun kam er wohlig und unbekannt über die Welt und blähte das schlaff gewordene Segel des Schiffes des Lebens, mit dem sie auf eine Sandbank gelaufen waren.
Grüne Wellen brandeten um das Schiff und drückten es unermüdlich in eine bestimmte Richtung, und die Fische des Ozeans sprangen und hüpften aus der grünen und blütenbunten Gischt heraus, und etwas kam in Bewegung.
Mark stand mit Tsam nackten Fußes im Wasser des Bachs nahe dem Dorf und ließ seine Blicke über eine Landschaft wandern, die er erst nun mit all ihren Einzelheiten erkannte, die er erst nun mit all ihren Einzelheiten aufzusaugen begann und war verblüfft über die vielen Kleinigkeiten, die ihm nun auffielen.
Plötzlich war er in der Lage, eine Distanz zwischen dem Dorf und dem Frauenbaum zu sehen –  etwa so groß wie zweimal das Dorf hintereinander. 
Die Bergkette lag, sah man vom Dorf zu Tiratas Haus, zur Linken des Dorfes, und sie war noch sehr viel weiter entfernt; vielleicht zehnmal das Dorf hintereinander und dann noch drei Male zehnmal das Dorf. Die Bäume, die die Berge bewuchsen, bildeten einen Wald entlang der Berge, die immer wieder von einigen Strecken von fünfmal das Dorf unterbrochen wurde, und bewachsen mit Wildwuchs aus Wiese, Blumen und Büschen.
Die Felder und Koppeln reichten nur zweimal das Dorf weit zur Bergkette hin, dafür aber sehr viel weiter in alle anderen Richtungen. Der Bach, in dem sie standen, war nur einmal das Dorf vom Dorf entfernt, ebenso wie Tiratas Haus – und so stellte Mark fest, dass Tirata gar nicht so weit vom Dorf entfernt lebte, wie er immer angenommen hatte, wenn er darüber nachdachte, dass die Bergkette mit dem schrecklichen Schlund der Corrin-Höhle so viel weiter entfernt war.
Und diese Höhle: sie lag so weit oben wie drei Male zehnmal die Höhe der Bäume um Tiratas Haus.
Hinter diesem schwang sich Landschaft mit Waldstücken und Koppeln, sie sich dazwischen schmiegten, und wilde Wiesen. Es gab überall zahlreiche Baumgruppen, Büsche, Sträucher und Wiesen, die sich ohne jegliche Ordnung ideal ergänzten.
Hinter dem Dorf, also in entgegengesetzter Richtung, sah er einen großen, dichten Wald in einer Entfernung von etwa zehnmal das Dorf. Es war der große Wald, in den niemand einen Fuß hineinsetzte, weil dort Dinge und Wesen lauerten, denen niemand gewachsen war.
»Tsam«, sagte Mark plötzlich und ließ seine Gedanken fliegen, »diese Wiesen sind so groß, größer als die Felder, ist dir das schon mal aufgefallen?«
Tsam schüttelte den Kopf. Er interessierte sich auch nicht dafür, wenngleich er seinen Blick über die Landschaft gleiten ließ. Für ihn sah die Welt so aus wie immer. Alles um ihn war nichts anderes als das, was das Dorf umgab, ohne es näher bestimmen zu können.
Mark tat einen Schritt im Wasser und sagte kein Wort. Und wie sie so gingen, huschten neue Gedanken durch Marks Kopf, und sie kreisten um so Vieles. Die Böen trugen das Gezwitscher der Vögel zu ihnen herüber, wie auch das Rausches des Windes in den Bäumen und Büschen. Das Wasser plätscherte, und es war so erfrischend kühl, dass Mark meinte, selten etwas derart Angenehmes erlebt zu haben. Die Hitze der letzten Tage war furchtbar gewesen. Sie gingen mit nackten Füßen über Steine und Sand unterhalb des Wassers, und sie entfernten sich mit der Strömung vom Dorf.
Mark dachte an Sarah und den weinenden Himmel. Er hatte mit Tsam darüber gesprochen, der gemeint hatte, dass der Himmel kaum darüber geweint hätte, da »der Himmel bestimmt Besseres zu tun hat, als nur darüber zu heulen, was du machst«, und es war Mark einleuchtend vorgekommen. Schließlich kam er zu dem Schluss, dass gleichzeitig im Dorf etwas geschehen war, dass dem Himmel mehr Grund zum Weinen gegeben hätte, und Schuld und Unbehagen waren von ihm abgefallen. Zudem hatte Tsam ihm auch gesagt, dass es »nicht falsch war, was du getan hast. Was sollte daran falsch gewesen sein? Dann müsste der Himmel dauernd weinen, wenn es einer tut.«
Und Mark fühlte sich nicht mehr bedrückt, im Gegenteil, er fühlte sich bestätigt. Zugleich hatte er aber auch entdeckt, dass er Tsam nun nicht mehr so blind vertraute wie früher und Sarah öfter vor Augen hatte als andere. Künftig sollte es Dinge geben, die nur Mark wissen sollte, da er fand, dass Tsam fortan nicht in alles eingeweiht werden musste.
Tsam spürte dies wohl, nahm es aber nicht übel, zumal es ihm in ähnlicher Weise mit dem Mädchen Alka erging.
Der Bach schlängelte sich weiter, in unbekannte Fernen, und sie waren schweigend dabei, ihnen entgegenzugehen. Fliegen und Bienen umsurrten sie, und hin und wieder scheuchten sie sie mit einer lapidaren Handbewegung fort.
»Was ist eigentlich mit deiner Schwester?«, brach Tsam das Schweigen, blickte aber auf das in der Sonne glitzernde Wasser des sanft fließenden Baches.
Mark zuckte mit den Achseln. »Sie spricht mit Tirata wie mit Ihresgleichen. Wir haben wohl eine spätere Wahrsagerin im Haus.« Ihm schauderte bei dem Gedanken, wenngleich er einräumen musste, dadurch dem Geheimnisvollen einen Schritt näherzukommen. Jessica war so jung und kindisch im Gegensatz zu ihm, und wie sehr hatte er sich immer darauf berufen können, sie mit Blicken, Worten und Gesten jederzeit zur Räson bringen zu können. Nun war es seine jüngere Schwester, die schon von allem mehr wusste als alle anderen im Dorf zusammen. Er kam sich wie ein Tölpel vor, der sich Zeit seines Lebens nicht der Tatsache bewusst gewesen war, überhaupt gelebt zu haben. Er verglich sich mit einem Träumer, der alle Zeit im Dämmerschlaf gelegen hatte, der nach Trunkenheit die Menschen überfiel. Er hatte die Konturen der Dinge nicht gesehen, er hatte die Dinge selbst nicht erkannt, und erst nun öffnete sich langsam das Auge des Wachen in ihm, das begann, die Dinge so zu sehen, wie sie waren. So sah er den Bach vor sich, wie er sich durch das Land schlängelte, immer weiter dorthin, wo er niemals gewesen war, wo er vermutete, dass der Bach in ein finsteres Loch stürzte und tobte, wo alle Zeit endeten und alle Gedanken und alles Leben nichtig werden würde.
»Was wohl aus Maraim geworden ist«, fragte Mark in geistesabwesendem Ton in den Wind. »Vielleicht findet man ihn in der Corrin- Höhle.«
Tsam schluckte schwer. »Man wird ihn nie finden.«
»Glaubst du, dass er tot ist?«
»Ich weiß es nicht.« Eiskalte Wellen jagten ihm über den Rücken und Angst erfasste ihn. »Bewahre mich das Leben davor, dass man ihn findet, wie er tot daliegt.« Er stellte sich furchtbare Bilder vor, wie Maraims fetter Leib im Gras lag, umwölkt von Fliegen mit grünen Körpern und von Ameisen, die ihn langsam abtrugen. Er sah Maraim mit offenen und erstarrten Augen daliegen. Der Mund war offen wie die Corrin-Höhle, und Insekten fraßen seine Därme. Er sah Maraims Kleider im Wind flattern, er sah Verwestes, er sah an dem Kopf blanken Schädelknochen, auf dem grüne Fliegen saßen, und Tsam begann zu weinen. Angst übermannte ihn, Schuld lastete auf ihm, Ekel spülte in ihm hoch und so stand er da im Wasser des Baches und weinte plötzlich. Der Wind wirbelte seine Haare durcheinander, das Wasser umspülte seine Füße und Unterschenkel. Tsam sah in die Ferne, in die der Bach floss, und am Ende aller Wege sah er Maraims halbverweste Leiche, wie sie auf ihn wartete, um ihm mit knochiger Hand die Därme zu zerfetzen, während Tsam vor Schmerz und Panik schrie und schrie.
Sein Weinen war leise und Mark wurde bei dem Anblick schwer ums Herz. Aus Schmerz hatte er Tsam schon oft weinen sehen, wenn er sich an Dornen die Haut aufgerissen hatte oder auf einen Stein oder von einem Baum gefallen war. Aber wann hatte er ihn so weinen sehen wie nun? Mark wusste es nicht, und so stand er gelähmt da und sah Tsam an, seinen Freund, mit dem er die Kindheit verbracht hatte und das Erwachsenwerden erleben würde, bis der Tod kommen würde – und er sah ihn weinen, und Mark wusste nicht, was zu tun war. War bis vor ein paar Tagen eine Umarmung noch etwas Selbstverständliches gewesen oder etwas, das ihnen Spaß gemacht hatte, so wagte es Mark nun nicht mehr, Tsam nahezukommen, ihn zu berühren oder tröstend zu umarmen.
Der Wind umspielte sie beide und zog an ihren Haaren, und Mark stand mit trockener Kehle in zwei Metern Entfernung von seinem Freund, den er wie einen Freund liebte, den zu berühren es sich aber nicht mehr schickte.
Mark hob einmal kurz die Arme, gewillt, näher zu treten, doch er blieb stehen und schaffte es nach langer Zeit, ein kaum vernehmbares »Komm schon« hervorzupressen, das der Wind hätte sagen können, so leise und tonlos, war es. Doch Tsam hörte es nicht, und war sich im Klaren darüber ob er sich Mark um den Hals werfen sollte, oder ob es besser war, fortzurennen, da er sich schämte.
»Es ist nicht deine Schuld«, sagte Mark leise. »Ich war es, der den Vorschlag gemacht hat. Hasse mich dafür und sieh mich nie wieder an, aber fühl dich nicht schuldig.« Ein Kloß wuchs  in seiner Kehle. »Es tut mir leid, was ich getan habe«, gab er leise zu. »Ich hatte doch nicht wissen können, dass …«
Tsam wollte Worte sagen, für die er weder Kraft noch Luft besaß. Denn obwohl es Marks Idee gewesen war, hätte er nicht mitmachen müssen, er hätte allen den Streich ausreden können. So drehte er sich um und lief davon. Er schämte sich seiner Schwäche, vor Mark die Fassung verloren und geweint zu haben. Der Wind kam näher und näher, und er trieb alles davon wie Blätter eines Baumes im Herbst. Tsam drehte sich nicht zu Mark um, der noch immer im Wasser stand und ihm schweren Herzens nachsah und nun selbst Tränen vergoss. Und irgendwann einmal sollte oder konnte der Tag kommen, an dem Gewalt alles zerstörte –  und wurden mit der Zeit wieder zu dem, was sie waren und standen zu ihren Gefühlen.
Als Mark Tsam fortlaufen sah, stürzte für ihn der Himmel ein, denn es war ihm nicht möglich, ihm zu folgen.
Und während Tsam ins Irgendwo lief, um dort von der Weite und Stille beschützt zu weinen, ging Mark in die andere Richtung des Irgendwo, das unendlich und überall um das Dorf war. Er ging den Bach weiter, darauf wartend, den großen Schlund zu sehen, in den der Bach stürzte und wo alle Zeit, alles Leben und alle Gedanken endeten.

Tiratas Haus war und blieb mysteriös. Abgeschirmt von der Sonne stand es nahe an den Bäumen, die nur Unverständliches von sich gaben, das nur von dem, der sie verstand, gehört wurde.
Jessica war abermals bei Tirata und sah sich die vielen Dinge an, die Tirata darin aufbewahrte. 
»Je mehr du weißt, umso mehr tritt das Augenmerk für das wirklich Wesentliche in den Vordergrund. Wissen tötet Neugierde und weckt Interesse.«
Jessica wusste, was bevorstand. Sie wusste, dass man morgen aufbrechen wollte, um das Irgendwo zu ergründen. 
Tirata war hinter einem Regal verschwunden, in dem sich viele Bücher stapelten. Obgleich Jessica wie jeder andere im Dorf wusste, was Bücher waren, so war niemand außer der Wahrsagerin befähigt, zu lesen und somit zu ergründen, was sich Geheimnisvolles zwischen den Einbänden verbarg. Tirata holte nun eines dieser Bücher hervor, und Jessica sah darauf, als die Frau damit auf sie zukam. Das Buch war so groß, dass es Jessica von den Fingerspitzen bis zur Armbeuge gereicht hätte. Da das Sonnenlicht keinen direkten Weg ins Haus hatte, war es zwielichtig im Raum, als Tirata sich zu ihr setzte und das Buch vor sich auf den Tisch legte. »Früher einmal gehörten Bücher zum normalen Leben«, begann Tirata, »und jeder konnte sie lesen. Nun, und das tat man auch.«
Jessica sah auf das Buch, das ihr nichts bot. »Und was stand darin?«
»Das kam auf das Buch an. Tatsachen, Ratgeber, aber auch Geschichten, und die haarsträubendsten dazu. Früher einmal zog man Wissen und Freude aus den Büchern.«
»Und warum jetzt nicht mehr?«
Tirata sah Jessica an und sagte lange Zeit nichts. »Nun, die Zeit können wir nicht aufhalten. Wenn es Zeit wird zu schlafen, gehen wir schlafen. Ist es Zeit, die Felder zu bestellen, bestellen wie die Felder. Und ist es Zeit zu sterben, dann sterben wir. Die Zeit bestimmt unser Leben, und wir, die wir nicht Herrscher der Zeit sind, sind ihre Sklaven. Wir fügen uns. Es muss so kommen, und es kam so. Die Zeit hat es bestimmt.«
Jessica verstand nicht viel von dem, was Tirata ihr sagte. »Aber warum sagen wir nicht einfach, dass wir uns nicht von der Zeit bestimmen lassen wollen?«
Über das faltige Gesicht Tirata huschte der Anflug eines Lächelns. »Wenn ich der Zeit sagen könnte, dass sie stillstehen solle, würde ich nicht älter. Und ohne Älterwerden kein Sterben – und das widerspricht der Natur. Alles vergeht einmal. Irgendwann werden Bäume schwach und morsch. Irgendwann begräbt ein Erdrutsch eine Wiese. Irgendwann versiegt ein Fluss. Und das ginge nicht ohne die Zeit. Was, wenn wir nicht stürben? Dann wären wir lebendig auf alle Zeit, und wir könnten denen, die nach uns kommen, sagen, was zu tun wäre und was sie lieber lassen sollten.«
»Das wäre doch gut, oder?«
»Der Mensch ist nicht zum Perfektsein geboren. Erst das, was nach ihm kommt, wird es sein.«
»Und was wird das sein?«
»Unsere Nachkommen in weiter, weiter Zukunft. Aber dann sind sie keine Menschen mehr – dann sind sie Götter.«
Wieder verstand Jessica nicht viel, doch sie vermied es, nachzufragen. Sie wollte ein kluges Kind sein, das mehr und mehr erfuhr, solange es nur so tat, das zu verstehen, was man ihm sagte.
Tirata wusste, wovon sie sprach. »Wenn morgen ein paar Männer aufbrechen, dann wird dies ein Schritt dahin sein. Aber was suchen sie, was meinst du?!«
Jessica überlegte. »Sie gehen in den Wald.«
»Und was sollten sie dort finden?«
»Böse Geister?«
»Vielleicht. Was noch?«
»Böse Schatten?«
»Möglich. Was noch?«
»Wölfe?«
Tirata winkte ab. »Was, wenn sie nichts anderes finden würden als einen Wald, der so aussieht wie ein Gruppe von Bäumen, wie sie überall stehen und wachsen, und zwischen denen Gras auf dem Boden wächst oder Pilze, oder zwischen denen einfach nur Laub liegt? Was, wenn in diesen Bäumen nichts anderes haust als die Vögel, die wir alle schon kennen?«
Jessica schürzte die Lippen. Für sie sah der Wald anders aus, und es überstieg ihre Vorstellungskraft, glauben zu können, dass nichts Böses darin war. Schließlich hatte es immer so geheißen, dass dort Böses hauste. 
»Was ist Wahrheit, Jessica? Das, was alle erzählen, oder das, was wirklich wahr ist?«
Jessica sah Tirata an und verstand die Frage nicht.
»Stell dir vor«, fuhr Tirata fort, »jemand sagt, dein Pepe wäre kein Mann, sondern eine Amsel.«
Jessica kicherte und fand die Vorstellung daran lustig. »Ich aus einem Ei, und Mama als Glucke darauf …«
»Bleib ernst, Jessica«, ermahnte Tirata, und Jessica fuhr zusammen. Tirata sagte weiter: »Jemand sagt, dein Pepe Lorn wäre eine Amsel. Was würdest du ihm darauf sagen?«
»Dass mein Pepe mein Pepe ist. Und keine Amsel.«
»Warum kann er keine Amsel sein?«
»Weil ich weiß, dass er keine ist.«
»Nein, nicht nur das, Jessica. Weil du ein Mensch bist, und dein Vater auch. Und eine Amsel ist kein Mensch, sondern ein Vogel, eine Amsel. Also hat der, der das gesagt hat, doch gelogen, oder?«
Jessica nickte.
»Siehst du. Wenn jemand sagt, du seist Mark, dann sagst du doch, dass du Jessica bist. Weil du ein Mädchen bist und Mark ein Junge, kannst du nicht Mark sein. Auch der, der sagt, dass du Mark bist, hat gelogen – oder er weiß es einfach nicht anders. Verstehst du den Unterschied zwischen der Wahrheit und dem, was man sagen kann?«
Jessica verstand und nickte. 
»Verstehst du jetzt auch, warum der Wald nicht böse sein muss, nur weil alle sagen, er wäre es?«
Wieder nickte Jessica.
Tirata klatschte befriedigt in die Hände. »Sehr gut. Jetzt nehme ich dich mit auf die Odyssee.« »Was ist eine Odisee?«
»Odyssee. Eine Reise. Ein Abenteuerspaziergang. Morgen, wenn die Neugierigen aufbrechen, brechen auch wir auf. Und jetzt geh zu deiner Familie nach Hause. Wir sehen uns morgen.«

Im Sonnenuntergang herrschte Stille in Lorns Haus. Weder Mark noch Jessica waren bisher gekommen, und obwohl sich Lorn und seine Frau nie um ihre Kinder gesorgt hatten, so war diesmal alles anders. 
Die Kinder spielten nicht draußen, und es war so seltsam still, dass Lorn meinte, er sei allein im Dorf.  Seine Frau war bei Nachbarn und sponn dort Fäden.
Auch er sollte morgen dabei sein, wenn man aufbrach, um ein wenig von dem Irgendwo zu sehen, das überall um sie herum war, Und wie üblich, konnte Lorn, verstrickt in die Ereignisse wie alle anderen, die Gründe für Aufbruch und Veränderung nicht recht nachvollziehen. Im Dorf, in dem alles seinen gewohnten Gang gegangen war, war eine Veränderung über Jahre hinweg schon schnell, so dass die Veränderungen der letzten Tage ein wahre Flut an neuen Eindrücken heraufbeschworen hatte, die niemand mehr verstand. Die Ereignisse waren ihnen allen aus den Fingern geglitten, und sie konnten nichts anderes tun, als auf den Wind von Irgendwo zu warten.
Die Tür öffnete sich und er drehte sich um. Im durch die Türöffnung fallenden Sonnenschein sah er eine kleine Silhouette Jessicas, um deren Konturen die Strahlen der Sonne leuchteten wie um eine Erscheinung aus einer anderen Welt.
Lorn saß mit verdrehtem Hals auf dem Stuhl und fühlte seine Kehle trocken werden. 
»Hallo, Pepe«, sagte die Gestalt, und als sie  aus dem Licht heraus- und in das Haus hineintrat, sagte Lorn nichts. Er sah sie nur befremdet an.
»Gehst du morgen auch mit den anderen?«, fragte Jessica unbekümmert und setzte sich zu ihm an den Holztisch.
Lorn saß da und starrte sie an. Er konnte das, was er empfand, nicht in Gedanken, geschweige denn in Worte fassen.
Jessica saß am anderen Ende des schützenden Holztisches und blickte ihn fragend an. Sie sah genauso aus wie früher zu Zeiten, da sie noch seine Tochter gewesen war. Aber nun suchte er Beweise in ihrem Gesicht, die darauf hindeuteten, dass sie verwandelt worden war.
»Pepe. Ist dir nicht gut?«
Es war so gespenstisch still im Haus, dass Lorn das Herz bis zum Hals schlug.
»Wo ist Mama?«
»Weg«, antwortete er geistesabwesend.
»Und Mark?«
»Weiß nicht.«
»Was ist mit dir?«
Wenn er es gewusst hätte, wäre er in der Lage gewesen, es zu überwinden, aber dieses Wesen da am anderen Ende des Tisches … – es sah aus wie Jessica, sie sprach wie Jessica. Aber da sie freiwillig zu Tirata gegangen war, war sie nun eine andere. Nicht mehr seine Tochter. In ihren Augen lag nun etwas Anderes, Neues. Er konnte daran erkennen, dass sie nun von Dingen wusste, die Tirata wusste und sonst niemand. Dingen, die sie verändert hatten. Er sah, wie Jessica ihn anblickte. Das Unschuldige, Kindliche war aus ihrem Blick verschwunden. Er hörte es in ihrer Stimme: Da schwang etwas mit, das er nie in Jessicas Stimme gehört hatte. Bislang hatte ihre Stimme stets nach kindlicher Neugier, kindlicher Unsicherheit, manchmal auch kindlichem Trotz geklungen, wie es sich für eine Kinderstimme gehört hatte.
Doch nun klang ihre Stimme anders. Wie sie ihn schon mit »Hallo, Pepe« begrüßt hatte. Wie eine Erwachsene hatte das geklungen, als sei Tirata in sie eingefahren und hätte aus ihr gesprochen. Wie reibend ihre Frage geklungen hatte, ob auch er morgen mit den anderen aufbräche. Und diese Mischung aus Fürsorge und Zweifel, ob etwas mit ihm sei.
Was Tirata auch immer seiner Jessica angetan hatte, es hatte sie ihm genommen, sie ersetzt gegen etwas anderes.
Er hörte sein Blut in den Ohren pochen. Es gab Geschichten von diesen ausgetauschten Menschen, die die Vorgängerinnen von Tirata immer wieder ins Dorf zurückgeschickt hatte. Diesen Ausgetauschten, die so verändert waren, dass man ihr Wesen nicht mehr wiedererkannte.  Dass solch ein Wesen eines Tages in seiner Hütte stehen könnte, hatte Lorn nie für möglich gehalten.
»Wie war’s bei der Hexe?«, fragte Lorn nun mit erstickter Stimme wissen.
»Sie ist keine Hexe. Sie ist eine ganz normale Frau, die mehr weiß als wir. Mehr nicht.«
»Und was weißt du, was wir nicht wissen?«
»Sie hat mir viel erzählt.«
Lorn schauderte es. Er sah sich nachts in seinem Bett in schrecklichen, unwirklichen Träumen wälzen, in denen er von Dämonen auf Knochenpferden gejagt wurde, denen roter Dampf aus den Nüstern stob. Die Kreaturen auf den Pferden schwangen Sensen, an denen Blut klebte, und er sah sie mordend durch das Land ziehen, sah seine Nachbarn, Freunde und seine Familie mit Ausnahme Jessicas vor Angst schreiend durch das Dorf rennen, gehetzt von reitendem Tod und Moder, der die Menschen im Laufen zerfetzte, die Arme, Beine und Köpfe abschlug, seinem Sohn eine Axt in den Schädel rammte, dass Blut und Hirn eben ihm ins Gesicht spritzte, der daraufhin schrie und schrie, bevor er von einer Kreatur fortgetragen wurde, fortgetragen aus dem Dorf der Zerstörung, in dem zerfetzte Leichen zwischen brennenden Häusern auf dem Boden lagen, hingetragen zu Tiratas Haus, wo Jessica lachend saß und anordnete, dass man ihm das Herz aus dem Leibe reiße. 
»Warum bist du nicht dort geblieben bei der Hexe?«, wollte er leise wissen, nicht wissend, wie sehr er damit seiner Tochter das Herz zerriss.
Jessica schluckte. »Weil es spät ist und ich nach Hause kommen wollte.«
»Ist dein Zuhause denn noch hier? Was willst du hier? Deine Sprüche aufsagen und uns verzaubern?«
»Tirata kann doch gar nicht zaubern«, verteidigte sich Jessica und spürte Tränen aufsteigen.
»Geh zu deiner Hexe. Geh zu ihr, wo jetzt dein Zuhause ist. Hier ist es nicht mehr. Und du bist nicht meine Tochter. Du bist jetzt ihre Tochter.«
»Aber Pepe …«
»Raus hier!« schrie er, so laut er konnte. Dabei schossen ihm Tränen in die Augen. Der Gedanke, nun ein Wesen zu sehen, das sich als seine Tochter Jessica ausgab, aussah wie sie, ohne sie wirklich zu sein, war für ihn reinste Folter. 
Jessica zitterte weinend. »Pepe. Pepe!«
Lorn war außer sich. »Raus hier! Raus hier! Ich will dich nicht sehen! Verschwinde!« Und er weinte wie seine Tochter, die er nicht mehr als solche betrachtete.
Jessica lief aus dem Haus und sah nur die Möglichkeit, ihre Mutter zu suchen, die sich in irgendeinem Haus aufhielt, und so lief sie zu dem Nachbarhaus. Die Bewohner, die sich gut kannte und die sie gut kannten, sahen sich erschrocken um, und der Schrecken wollte auch nicht aus ihren Zügen weichen, als sie wussten, wer hereingestürmt war. Als Jessica mit heller, erstickter Stimme nach ihrer Mutter fragte, sagten sie ihr: »Tirata ist in ihrem Haus. Verschwinde.«
So erging es ihr in allen Häusern. Sie konnte nicht ahnen, dass sich ihre Mutter versteckt hielt, als sie sah, wer angelaufen kam. Sie weinte in ihrem Versteck, denn sie hatte keine Tochter mehr.
Und Jessica erfuhr den Preis, den man hier für das Wissen bezahlen musste.

EPISODE:
HERRIN DER ZEITEN

Längst Vergangenes dämmerte herüber, längst Verlorenes. Jessica war eingeweiht worden, indem Tirata ihr Stund um Stund berichtet hatte, was sie waren und woher sie kamen. Und all dies war so unfassbar gewesen, dass all das, was sie gehört hatte, zu ihr in den Schlaf kam und sie sanft weckte. Es rief ihren Namen, leise, flüsternd. »Jessica. Jessica. Wach auf.«
Sie wachte auf und lauschte der Zeit, die sie geweckt hatte.
»Komm, Kind«, sagte die Zeit, und sie war freundlich. »Ich nehme dich mit auf eine Reise.«
Wohin sie denn ginge, wollte Jessica wissen.
»Ins Irgendwo«, sagte die Zeit und streckt ihre Hand aus. Und für Jessica begann eine Reise durch die ewige, allgegenwärtige, stets verstreichende Zeit.
Die Reise ging weit, weit zurück, weiter, als man es sich vorstellen konnte.
Sie sah Glut, Feuer und gnadenlose Hitze. Heftige Stürme jagten über das junge Land, und viele Tiere rasten über den Planeten. In einer Sekunde wurden sie erschaffen und lebten und bevölkerten, in der nächsten starben sie aus und waren auf ewig verschwunden.
Dann erkannte sie ihr ähnliche Wesen, und die Zeit sagte ihr, dass dies Menschen wie sie seien, nur dass diese sehr viel früher gelebt hatten.
Diese Wesen, die ihr so ähnlich waren, machten sich die Welt untertan, sie lebten mit ihr, von ihr, aus ihr.
Sie sah wilde Formen und Menschenmassen, sie sah Dinge, die sie noch niemals zuvor gesehen hatte und war verwundert darüber, dass all dies schon einmal da gewesen war.
Die Menschen waren im Himmel, über der Welt und bald gar über den Himmel hinaus. Und das, was die Menschen dahin trieb, machte aus ihnen selbst etwas anderes. Ihr Denken stockte zum einen und verselbständigte sich zum anderen, und immer wirrer und schlimmer wurde das, was kam. Die Zeit, die raste, war mit den Menschen, wie es schien, denn diese wurden immer großartiger und besser, aber zugleich war die Zeit auch zu langsam. Es war, als hätte eine göttliche Intrige, die von solch hoher Stelle eingefädelt worden war, dass niemand sie verstand, die Menschen in eine Sackgasse getrieben, denn ihr Wissen wuchs schneller heran als ihre Fähigkeit, mit all den Auswirkungen des Wissens umzugehen.
Es waren diese Auswirkungen, die die Menschen, zerrüttet und von verschiedenen Glauben getrennt, zum Aufbruch trieben in ein anderes Zeitalter. Nach einigen Generationen hatte man die Herkunft vergessen, und nur einige wussten noch von ihr. Sie hatten sich dereinst in einer Höhle versteckt vor all denen, die sie niederstrecken oder mitnehmen wollten, und erst nach langer Zeit wagten sich die Menschen wieder hinaus.
»Siehst du«, sagte die Zeit, als der farbige Strudel der unglaublichen Veränderungen langsam im Hier und Jetzt zum Stehen kam, »so ist es gekommen, wie Tirata gesagt hat. Und es wird noch anders kommen. Der Wind von Irgendwo kennt keine Grenzen, und er wirbelt hin und her. Mal kommt er, mal geht er, mal verschwindet er, mal kehrt er zurück.«
Und Jessica fiel wieder in ihren tiefen Schlaf.

Ende des 10. Kapitels – Der Wind von Irgendwo geht weiter mit Kapitel 11: Die Geißel der Angst

4 Comments

  1. Ist Wahrheit nur ein Begriff? Diese Frage stellt sich nicht nur Jessica, sondern jeder, der die Dinge aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Oliver beschreibt in diesem Kapitel essentielle Grundlagen der Sicht auf die Dinge, so wie sie wirklich sind. In einer überzogenen Art mahlt sich Pepe aus, was aus seiner Tochter geworden ist, weil er nur seine eigene Wahrheit kennt. Diese Sicht treibt einen Keil zwischen Vater und Tochter.
    Im Buddhismus ist der Wunsch, die Dinge so zu sehen wie sie sind, der Weg zur Erleuchtung. Es ist nicht erstaunlich, dass auch Religionen in diesem Kapitel erwähnt werden.
    Jessica erlebt kurz darauf eine Vision, die ihr von der Evolution erzählt.
    Ist die Evolution Wahrheit?

    In einer Zeit, in der man nicht mehr zwischen Wahrheit und dem, was einem erzählt wird unterscheiden kann, zeichnet dieses Kapitel ein präzises Bild des aktuellen Geschehens.

    Manchmal ist es eben nicht so, wie es einem erzählt wird.

    Bravo, Oliver.

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