Blind – oder: Mit anderen Augen als den Augen sehen

Ich hatte einen Traum. Er war nicht schön. Ich verlor darin das Augenlicht, ich sah mich selbst mit geschlossenen Augen, dabei sind blinde Augen geöffnet. Ich sah nichts, orientierte mich nicht. Meine Hände waren nach vorn ausgestreckt. Wie ein Zombie tastete ich mich vor, langsam, unsicher, allem beraubt. Es war so grässlich, als sei mein Leben mit dem Ende des Augenlichts zu Ende. Oder, wieder bildhaft, als erlösche mein Leben mit dem Erlöschen des Augenlichts.
Wie ist das ohne Augenlicht? Die Welt, sie ist noch da, in all ihren Formen und Farben, aber sie verbirgt sich hinter Blindheit. Und man selbst? Alles vorbei? Ich schreckte auf. Panisch atmete ich in die Nacht hinein, in die Dunkelheit und war froh, mein Augenlicht zu haben. Es dauerte, bis ich mich wieder fing. Ich schaltete das Licht ein, blickte mich um – und war mir meiner gewiss. Als sei ich es nicht, sobald ich nichts mehr sehen könnte.
Bücher lesen? Vorbei. Filme sehen? Vorbei. Schreiben? Erledigt. Blind zu sein: Das ist ein Abschneiden von Orientierung. Dabei ist das gar nicht wahr. Wer nie sah, wird womöglich nichts vermissen.
Doch wie ist es, etwas zu verlieren? Das Augenlicht – ein schönes Wort, so wahr vor allem: Es wirft Licht in die Augen, es bringt Licht der Erkenntnis, Kenntnis der Orte, der Umgebung, der Menschen.

Aber ja, das Licht lügt ja auch. Wir sehen nichts in Infrarot, dabei ist es um uns herum. Was Insekten sehen, ist nicht weniger wahrhaftig und Teil der Welt als das, was wir mit unseren Augen sehen. Wer richtig sieht und wer nichts von beiden, ist nicht ermittelbar. Beide sehen die Welt, wie sie ist, wenn auch nur einen Ausschnitt. Was also ohne Augenlicht und ohne der Illusion der alleinigen Erkenntnis und Kenntnis? Verzweifelt wär ich. Stolperfallen, auch wenn Serien und Filme von blinden Superhelden sagen, dass man Augenlicht nicht braucht.

Blind. Als ich sehend in der Nacht um mich blickte, blieb mir fast das Herz stehen vor Schreck. Ich will nicht blind sein. Ich kann mir nicht vorstellen, mich umzugewöhnen. Der Verlust wäre so stark, dass ich ihm hinterher weinen, ja schreien würde. Seht, was ich verloren habe! Würde ich mich daran gewöhnen? Wie könnte und würde ich schreiben? Wäre es so schnell und einfach wie jetzt?
Eines wäre es jedenfalls nicht mehr: So beiläufig wie jetzt. So zwischendurch. Es wäre ein Akt der Erkenntnis, der Kenntnis, durch die größere Mühe hellsichtiger in Form und Art und Inhalt. 
So sähe ich die Welt. In gewisser Hinsicht auch wieder besser als zuvor.
Blind sein heißt also alles und nichts.

Wer bin ich?

In Not und höchstem Übel kommt die Frage plötzlich: Wer bin ich? Was bin ich? Wenn die Frage kommt, weiß ich, dass ich vom Weg abgekommen bin. Dann wacht man auf und fragt sich, wie es nur geschehen konnte, dieses Abkommen vom Weg.
Als sei erst das Abkommen und Verlieren der Akt der Erkenntnis seiner selbst und seiner Wünsche. Und man fragt sich, ob man in letzter Zeit außer Besinnung und Kontrolle war und dann, wie und warum das hat geschehen können.
Immerhin: Kommt die Frage nach dem, wer und was man sei, ist damit ein Aufwachen verbunden, ein Erkennen eines Fehlers. 
Zugegeben, das macht keinen Spaß. Plötzlich im Morast zu stehen und in schmatzendem Schlamm nach Hilfe zu rufen, die ohnehin nicht kommt. Die Anstrengung, wieder zurück zum Weg zu kommen, ist eigene Aufgabe.
Es klingt schlecht, und in gewisser Hinsicht ist es das auch, aber hey, sehen wir es so: Solange die Frage und mit ihr das Erwachen kommt, erscheint der Weg auch wieder.
Heutzutage würde man das vielleicht lebenslanges Lernen nennen. Und dazu Kanäle basteln oder sie verfolgen, in denen es Tipps und Tools hagelt, damit umzugehen. Orientierungspunkte, Eckpfeiler, Meilensteine – Milestones nennt man das heute. Listen, die man macht und abarbeitet, weil das Entlanghangeln an Geländern welcher Art auch immer vor Sturz und Absturz bewahrt und beim Weg zurück zum Weg unterstützt.
Es ist gut, diese Stützen zu haben.
Doch letztlich ist es die Frage „Wer bin ich?“, die uns umtreibt und beschäftigt und damit letztlich alles bei uns selbst ablädt. Wo sonst sollte es auch hingehören, die Auseinandersetzung mit sich selbst, ohne auf Fremdbestimmung hereinzufallen?
Wer bin ich: Das bringt Ideen und Vorstellungen in den Geist zurück. Wer dabei stehen bleibt, träumt. Wer nun aber handelt, kommt weiter. Handeln kann übrigens auch aktives Unterlassen oder Loslassen heißen – soweit zu dem, was Tat und Aktion bedeuten. 
Wer bin ich: Das beantworte ich am besten selbst. Und gehe von hier aus auch weiter. Aus eigener Kraft. Und in gewisser Weise auch allein. Somit ist der Weg zurück zum Weg der Weg zu einem selbst, zu diesem untrennbaren Kern. Und hier lauern Überraschungen. Kompromisse und Flausen, die man sich als alleingültige Wahrheit und Möglichkeit des eigenen Lebens antrainiert hat, nur um dann festzustellen, dass man geirrt hart.
Aber so ist das mit Kompromissen, die man immer machen muss und machen sollte. Alles andere wäre rücksichtslos, und von den Ichlingen, die alles für sich verlangen und nichts erkennen wollen außer ihrer eigenen Großartigkeit, von diesen Typen haben wir genug.
Gehört eben auch etwas Charakter und Kenntnis dazu, zu unterscheiden zwischen Charakter und Einbildung.
Das öffnet den Kompromissen ihr Schlachtfeld. Sie treiben in Abhängigkeit, Illusion, in Routinen und Abläufe, heutzutage gern als „Workflow“ geschönt, einer dieser englischen Begriffe, die deshalb so glatt durchgehen, weil sie keinen Trigger im Kopf setzen, weil sie nichts auslösen.
Die neoliberale Welt braucht diese englischen Begriffe. Worte ohne Klang, ohne Bedeutung und ohne Wert – sind sie in der Welt, kann man sie füllen und damit kontrollieren. Damit macht man uns zu Zombies. Wie praktisch, weil wir es nicht merken. Immerhin ist dies der Lauf der Welt und der Dinge, oder?
Aber dann stehen wir irgendwann plötzlich doch da und fragen uns auf einmal: Wer bin ich? Und können, obwohl es so negativ klingt, doch froh darüber sein. Dass wir es gemerkt haben. Und aufgewacht sind.
Fragen wir uns also ruhig: Wer bin ich?

Herr der Wolken

Als ich neulich in die Wolken blickte, geschah es: Ich hielt sie an. Nicht alle, sondern eine. Ich brachte sie dazu, einfach stehenzubleiben. Wie weit sie von mir entfernt war, kann ich nicht sagen, es war ein großartiger Sommertag, und weiße Wolken schoben sich wie Gebirge über mich hinweg. Auf eine fixierte ich mich – oder ich hatte vielmehr das Gefühl, dass sie sich mich aussuchte, um von mir fixiert zu werden, soll heißen, im Prinzip fixierte sie mich – und brachte sie, während ich sie anblickte, zum Stillstand, während alles andere und auch alle Wolken um sie her weiterzogen. Ich konnte sowohl die Bewegungen der anderen Wolken anhand eines Daches erkennen, wie sie sich millimeterweise weiterschoben, wodurch mir auch klar wurde, dass die eine bestimmte Wolke indes stehenblieb.

Wie konnte das sein?

Ich denke, wir haben uns beide angeschaut und uns zu durchdringen versucht. Während ich sie ansah, stellte ich mir vor, dort hineinzufliegen. Ich spürte, wie es dort weit kühler war als die 30 Grad, in denen ich mich befand. Ich stellte mir vor, in ihrem Nebel zu sein und nichts anderes mehr zu sehen als ihr nebelweißes Innengewölk.

Still war es dort, beeindruckend still, und alles, was von unten heraufgequollen wäre, wurde wie in Watte gepackt und drang nicht zu mir. Es ist übrigens nicht allzu schwer, sich im Tagträumen in das Innere einer dieser großen, weißen Wolken hineinzudenken. Man muss es nur wollen. Das ist kein Akt an sich, sondern ein Erleben, das sich ergibt, ein Finden, ohne gesucht zu haben.

Nein, ich beginne nicht damit, zu sagen, wir hätten eine gemeinsame Basis oder hätten gar miteinander kommuniziert. Wir waren, so kam es mir zumindest vor, eins, jeder in dem anderen. Schließlich atmete ich sie ein, während ich mich in ihr befand.

Hier, weit oben, war die Welt so anders. Still vor allem. Und entrückt. Entrückt, weil hier alles gleichgültig war und nichts wichtig. Hier wabert man vor sich hin, mehr nicht, ist reines Sein, ohne Funktion, ohne Wille. Schön ist das.

Es muss durch diese Einheit geschehen sein, dass die Wolke anhielt. So als wollte sie nicht aus meinem Blickfeld und mich nicht weiter belasten. Wie ein Bett, das da steht und dich einlädt: Komm. Leg dich hin.

Minuten verstrichen. Ich weiß das, denn ich bemerkte später beim Blick auf die Uhr einige Minuten, die verstrichen waren, ohne dass sie mir wie Minuten vorgekommen waren.

Zu sagen, dass ich irgendwann einmal wieder zu mir kam, ist zu viel gesagt, ich war schließlich nicht weg oder weggetreten, sondern vielmehr ganz und gar da gewesen. Immerhin erkannte ich nun, dass die Wolke nicht stillgestanden hatte. Dass ich sie also auch nicht zum Stillstand gebracht habe. Man darf auch fragen, wie ich das geschafft hätte. Denn erst jetzt bemerkte ich, dass die Wolke, die mir eine Zeitlang so vertraut gewesen ist, eine weitaus massivere war als alle um sie herum – will sagen: vor ihr. Denn ich war einer optischen Illusion erlegen: Alle anderen Wolken waren viele Kilometer vor ihr, und wirkten dadurch schneller. Wie der Harz sausten sie vor den Anden oder dem Himalaja vorbei, und solche Wolkenmassen schieben sich nicht so hastig, vor allem nicht aus dieser großen Entfernung.

Aber schön war der Gedanke dennoch: Dass ich es vermocht hatte, eine Verbindung zu einer Wolke aufzunehmen oder es erlebt zu haben, wie eine Wolke mich dafür ausersehen hatte und der Möglichkeit bewusst zu werden, Dinge in der Welt zum Anhalten bringen u können.

Müsste doch, so denke ich mir, möglich sein, alles andere macht keinen Sinn. Immerhin ein Gedanke, der nun da ist und mit dem ich ab nun immer wieder beschäftigen kann. Ein Gewinn, möchte ich sagen.

Fugen

Viel steckt in den Fugen. 30 Jahre meines Lebens haben sie gesehen, und man sieht es ihnen an. In ihnen steckte viel, über sie ging ich längst, als ich noch jugendlich war und voller Ideen und Träume. Außer den Fugen ist nichts davon geblieben. Wir sind gemeinsam alt geworden. Wer hätte das gedacht, als ich sie zum ersten Mal sah.
Hineingelugt hab ich in das Badezimmer ohne Licht, noch unbezogen von uns, von mir und unseren Leben. Da war es neu, unbenutzt, und ich war ihm herzlich egal wie es mir. Ich wusste nur: Ich wollte hier nicht hin. Nicht in dieses Haus, nicht in diese Stadt. Ich ließ mein Leben hinter mir, weil ich es musste.
Da waren die Fliesen und die Fugen noch neu.
Heute blicke ich sie an, mehr noch als die Flesen, weil sie Sollbruchstellen sind und Verbindungen, und weil sie die Patina des Alters annehmen und der Jahre, die über uns hinweg gegangen sind inzwischen.

Ich habe mit all dem hier nichts mehr zu tun, und obwohl ich an mich an vieles erinnere, an das Gefühl damals, an das ein Damals, das Leben, die Träume, die Illsionen, die Freunde und der Hund, die allesamt darüber geschritten sind, sind sie hier vollends fortgewischt.
Keine Hautschuppe von mir findet sich mehr hier, ich habe mich zu sehr gehäutet in der Zwischenzeit, bin ein anderer geworden.
Dieses Bad jedoch ist immer noch gleich. Die gleichen Fliesen, der gleiche Farbton. Früher war das zeitgemäß, heute wirkt es alt. Und die Fugen: Schmutzig wirkend, ohne schmutzig zu sein, streben sie einklemmt zwischen Fliesen den Wänden und Begrenzungen entgegen, seit 30 Jahren schon. So banal und doch auch nicht.
Ich schaue sie an, sie sind mein Leben irgendwie, oder zeigen sie wenigstens die Zeit, die hier vegangen ist. 30 Jahre. Alt weden will ich nicht, und nein, alt werden, das werde ich auch nicht, nicht alt in dem Sinne, in dem ich aufwuchs damals, alt zu sein.
Alt und Alter hat eine andere Bedeutung bekommen. Es hat einen Klang, den nur die Alten sprechen können. Alter spielt keine Rolle mehr, nicht so wie damals. Vor 30 Jahren, als ich die Fugen, damals unberührt, das erste Mal berührte, hatte ich vom Alter keine Vorstellung. Auch nicht von einem neuen Jahrtausend, das lag 15 Jahre noch entfernt, das Doppelte meines damaligen Lebens. Jahrtausendwende? Lag weit entfernt. Mein späteres Leben? Undenkbar. Mein damaliges als jetziges damals war genug.

Ich sehe nun auf diese Fugen und frage mich, was die Fugen meines Lebens sind, ob sie Brüche bekamen, ihre Farbe verändert haben, sich abgenutzt haben in letzer Zeit. So beharrlich, wie sie hier im Bad liegen zwischen den ewigen Fliesen, sind die Dinge meines Lebens nicht. Hier gab es immer wieder Renovierung, Ausbau, Umbau, mehr als nur ein Anstrich.
So ist dies hier ein Relikt, dieses Bad mit diesen Fliesen, ebenso wie diese Fugen. Meine sind Dehnfugen, zwischendurch erneuert und ausgewechselt, weil sich alles so geändert hat.
Ich schaue es mir an und denke mir gut so. Dass es so war, wie es war. Und dass es nun vorbei ist und ist, wie es nun ist.

Mein Buchladen und ich

Ja, ich liebe es, in den Buchladen zu gehen. Ich sage bewusst „in den“ und meine es stellvertretend für alle Buchläden.
Ich möchte dabei gar nicht damit anfangen, über den Geruch von Papier und all diesem für mich eher esoterisch aufgeheizten Getöse zu reden, auch wenn ich den Geruch von Papier in Buchhandlungen durchaus schätze.
Es geht mir auch weniger um die Beratung, die ich dort erhalte, da ich in den wenigsten Fällen auf Beratung angewiesen bin und sie beim Stöbern meist auch ausdrücklich nicht wünsche.
Meines Erachtens gehört das Buch in ein Geschäft. In einen eigens dafür angelegten und eingerichteten Raum. Schon bei Bücherecken in Supermärkten, die wie große Stände für Obst und Gemüse Bücher feilbieten, bekomme ich Probleme dahingehend, dass ich mich darin nicht wohl fühle. Dies ist – natürlich nur nach meinem eigenen Befinden – einfach nicht der richtige Ort für Bücher. Sie sind dort Ware, und nicht Wert.
In Buchhandlungen ist genau dies anders. Natürlich ist es illusorisch zu glauben, in der Buchhandlung sei das Buch keine Ware, natürlich ist sie das. Aber eben auch Wert. Es ist der Wert an der Arbeit, an den Gedanken und der Arbeit der Autoren, aber vor allem der Wert der Zeit, die ich mit den Büchern verbringen möchte. Ja, ich kann sagen, dass Buchhandlungen diese Arten umbauter Räume sind, in denen ich ganz bei meinem Behagen sein kann, das ich empfinde, wenn ich das Buch lesen werde. Eine Buchhandlung ist für mich dahingehend ein Vorschuss auf das, was mich erwartet.
Dies ist im Übrigen ein sehr privater Aspekt der Empfindung. Mehr als ein Hobby an sich, ist mir die Zeit mit einem Buch wichtig, wichtiger als jene Zeit, die ich anderweitig verbringen könnte, wenn ich nicht lese.
Man kann also sagen, dass der Besuch einer Buchhandlung und damit das Betreten des für einen für Bücher geschaffenen Raum eine Beschäftigung mit mir selbst ist. Wenn ich an den Büchertischen und den Regalen entlangschlendere, Titel greife, umdrehe, mich mit Klappentext und Haptik beschäftige, ist dies ein ungemein intimer Vorgang, ein Empfinden. Dieses Empfinden ist äußerst intim, und ich meine damit nicht rein die taktilen Vorgänge des Greifens und Blätterns. Wie oft kommt es vor, dass man das Personal fragt, ob es nicht die Zelophanhülle entfernen könne, damit man mehr zu sehen und zu greifen hat. 
Was hier passiert, ist ein Akt der Aneignung, nicht nur mit den taktilen Sinnen, sondern auch mit den geistigen. 
In einem Supermarkt ist mir dies kaum möglich, hier stimmen Licht und Laut nicht, hier gibt es Unterbrechungen, die ich nicht erwarte und nicht will.
Zugegeben, das ist eigen von mir. Aber so ist es halt, ich kann es nicht ändern. Und muss es übrigens auch nicht.
Das Betreten einer Buchhandlung ist für mich die Einladung, neugierig zu sein, ganz bei der Beschäftigung mit dem Wert Buch an sich, nicht mit der Ware als solcher. Ich fühle mich hier ernst genommen, weil ich weiß, dass dieser Raum eigens für mein Interesse und meine Neugier geschaffen wurde.
So lasse ich mir Bücher in Buchhandlungen liefern. Ja, ich bestelle sie häufig online, aber abholen und bezahlen, das sind Akte, die ich in der Buchhandlung persönlich erledige. Ja, es geht bequemer, wenn es zu mir nach Hause käme.
Allerdings ist die Bequemlichkeit ein Trugschluss. Passt das Buch nicht in den Briefkasten – und das ist plus Verpackung schnell geschehen – werden ohnehin wieder Sendungen daraus, die ich abholen muss. Packstation? Praktisch natürlich. Jedoch fahre ich zu ihr ebenso weit wie zu der nächsten Buchhandlung, ein Glück, ich weiß, ein Privileg, vielleicht. Mir ist es lieber, der Buchhändler um die Ecke, ob nun für mich gut sortiert oder nicht, erhält meinen Namen für sein System mit meinen Bestellungen als Online-Versandhäuser (die ich übrigens nicht pauschal verteufeln möchte).
Mein Name und meine Anschrift geistern je nach Wohnsituation von einer Buchhandlung zur nächsten. Die nächstgelegene hat gewonnen. Sicher, beim Bummeln in der Stadt kann ich an andere Buchhandlungen geraten und somit an Bücher, die ich direkt dort kaufe. Ein Widerspruch ist das für mich nicht.
Ich empfinde schlichtweg Freude dabei, in die bsagten eigens geschaffenen Räume zu treten und mich dort angemessen auseinandersetzen mit dem, was mir lieb und wichtig ist. Ich werde sie betreten, mein bestelltes Buch kaufen und das Gefühl haben, in „meiner“ Buchhandlung zu stehen.
Mehr Aneignung als dieses Gefühl: Das geht nicht. 

The Shining oder: Der Totalausfall des Stanley Kubrick

Stephen King hat es schon wieder getan: Er hat öffentlich gesagt, wie missraten er mit der Verfilmung seines Romans The Shining von Regie-Großmeister Stanley Kubrick ist. Dass King den Film regelrecht hasst, ist längst bekannt. Diesmal hat er sich im Interview mit Deadline genauer geäußert.
Die Äußerungen geben mit Anlass, selbst etwas zur Verfilmung von Kubrick zu sagen:

Auch Genies haben schlechte Tage. Und Regisseure ihre schlechten Filme, die dann als das Pendant der schlechten Tage gelten. Auch bei Genies wie Kubrick ist das nicht anders. Natürlich heißt es im Rückblick, alles, was Kubrick gedreht hat, sei ein Meisterwerk, aber das ist nicht wahr. Erst kürzlich sah ich Shining nach vielen Jahren einmal wieder, oder besser gesagt, ich versuchte es. Dass ich den Film langweilig fand, war mir noch bewusst, und auch, dass Autor Stehen King Kubricks Version gehasst hat.

Ich kann ihn verstehen.

Klar, es wirkt immer etwas anmaßend, wenn man einen Meister kritisiert, aber ich frage mich: Warum eigentlich? Weil es sich bis zur Sakronsanz durchgesetzt hat, dass es über jeden Zweifel erhaben ist, dass eine Kritik zwangsläufig falsch, unpassend und anmaßend ist?
Shining ist ein langweiliger Film. Mehr noch: Er ist purer Trash. Ein monsterhaft ins Künstlerische aufgeblasene Nichts ohne Spannung mit miesen Schauspielern, lächerlichen Charakteren und schlechten Dialogen.
Dass Jack Nicholson, ausgerechnet er, schlecht sein soll, ist gerade einer dieser Punkte, die schwer zu glauben sind, zumal es auch hier einem Sakrileg gleichkommt, ihn zu kritisieren – aber es liegt nun einmal auch an dem, was er spielen musste und an dem, was der Regie-Wahnsinnige Kubrick von ihm wollte. Eben das macht alles nur tragischer.
King ist mit Nicholsons Darstellung alles andere als einverstanden, und die Vorwürfe, die King erhebt, sind schwerwiegend. Nicholsons spiele seine Figur des Jack Torrance „verrückt wie eine Scheißhausratte“ ( he’s crazy as a shit house rat). Und alles liefe darauf hinaus, dass er nur verrückter werde, ohne dass er sich mit seinem eigenen Verstand auseinandersetze. Und ja, dies ist wirklich die deutlichste Diskrepanz zwischen Vorlage und Adaption. Im Buch kämpft die Figur mit sich und seinem Verstand, doch im Film rastet er einfach nur aus. King hatte nach eigenem Bekunden den Fall der Figut des Jack Torrance als Tragödie geplant, doch Kubrick schien offenbar daran kein Interesse zu haben.

Es ist dies auch der Grund, aus dem mich der Film kalt lässt. Nicholson betreibt maßloses Overacting, ist das abgrundtief Wahnsinnige. Dies wird einfach nur dargestellt statt erklärt. Der Film ist klinisch und lässt einen kalt, weil ihm alles Menschliche und damit alles Tragische abgeht.

Kubrick wird gehypt, als habe er das Kino gefunden. Im Grunde ist er ein einziges Scheitern. Nicht deshalb, weil er vergleichsweise wenig Filme abgeliefert hat, sondern weil er ein endloser Planer war, der so weit forschte und vor allem theoretisierte, dass am Ende das Praktische hinten überfiel.
Sicher, 2001 ist ein Meisterwerk, eines der ganzen großen. Aber danach kam er nie wieder so richtig auf die Spur, und wir reden hier von 1968.

Sein Uhrwerk Orange ist irre, irre genial und irre radikal ebenfalls, aber nicht mehr der große Wurf, als vielmehr der große Skandal. Skandale ersetzen Meisterwerke nicht und machen sie nicht zwangsläufig zu welchen.

Barry Lyndon mag unterschätzt sein, aber auch hier fand Kubrick zur Meisterschaft nicht zurück. Wa sist von einem FIlm zu halten, über den am bekanntesten ist, dass hier erstmals bei echtem Kerzenlicht gedreht wurde? Weswegen anschließend ein Knaller her musste, und das sollte nun Shining sein.

Kubrick biederte sich damit einer Horrorwelle an, überhaupt einer Welle, die ihn vor sich hertrieb und in ein Genre hinein, das nun einfach nicht seins war. Seine Art und seine Sichtweise vertragen sich nicht mit Horror, so einfach ist das.
Und als habe er gewusst, dass er scheitern muss, blies er alles auf ins Kubrickhafte, in der Hoffnung, wenigstens das könne die Kritik am Werk dämpfen – die dann aber erbarmungslos war. Nicht nur lieb der Erfolg aus, auch die Kritiker waren nicht angetan. Und Kubrick tat Unglaubliches: Er kürzte den Film aufgrund der Reaktionen um knapp 30 Minuten für den internationalen Markt. Das sei, so sagte er später, die eigentliche Fassung.
Doch so etwas widerfährt einem unantastbaren Genie wie Kubrick? Nicht im Ernst.
Nein, Shining ist das Produkt eines Scheiterns, und ja, eines großen Regisseurs, dessen Erbe dadurch nicht kleiner wird.
Aber jemand, der sich in zugegeben große Kamerafahrten flüchtet, sich einem Geschmack anbiedert, den er nicht versteht und ein zahmes, ödes und übertrieben verkünsteltes Horrordrama macht, der ist einfach gescheitert.
Immerhin liefert der Film DAS ikonographische Highlight des Horror-Kinos: Jack Nicholson, der diabolisch durch die die vom ihm mit einer Axt zerschlagene Tür schaut.
Ja, immerhin hat Kubrick damit ein Erbe gesichert. Das Einzige. Neben seinem Scheitern.

Matthias Falke im Interview in Kochs Kultur-Küche

Über 70 Bücher. Science-Fiction-Romane, Tagebücher, Bücher zur Musik. Preisträger des Deutschen Science Fiction Preises: Matthias Falke ist ein Tausendsassa und ein unermüdlicher Schriftsteller.
Vor kurzem hatte ich den sympathischen Autor aus Karlsruhe bei mir Kochs Kultur-Küche zu Gast. Gemeinsam plauderten wir über sein Schreiben, seine Bücher und seine Pläne. Darin erzählt er über seine Liebe zur Science Fiction, verrät, ob er mehr Fan von Star Trek oder Star Wars ist – und natürlich nicht zuletzt über seine diversen Buchprojekte wie beispielsweise seine große SF-Reihe Enthymesis.
Wir sprechen auch über seine besondere Beziehung zur klassischen Musik wie zum Theater – denn auch hier hat Falke einiges zu bieten.
Für Boa Esperanca erhielt er den Deutschen Sience Fiction Preis 2010 für die beste Erzählung des Jahres – nominiert wurde er zudem für den Kurt Laßwitz Preis.
Seine Bücher erscheinen im Wurdack-Verlag, Begedia Verlag, Atlantis Verlag, Amrûn Verlag und weiteren – sie sind als Buch und eBook erhältlich.

Matthias Falke lebt als freier Schriftsteller in Karlsruhe und ist auch häufig auf Buchmessen anzutreffen.

Das Orakel vom Berge von Philip K. Dick: Roman und Verfilmung im Vergleich

Nein: Das Orakel vom Berge ist sicher nicht der beste Roman Philip K. Dicks. Wenn auch sein bekanntester. Es ist dies eine Art Fluch eines Autors, der an einer Messlatte gemessen wird, die er selbst nicht beeinflussen kann.

Ja, Dick konnte es besser. Der Grund der Popularität von Das Orakel vom Berge mag im einzigartigen Setting liegen: In der im Roman beschriebenen Parallelwelt haben Nazi-Deutschland und Japan den 2. Weltkrieg gewonnen. Als Sieger haben sie zudem die USA unter sich aufgeteilt.
Im Erscheinungsjahr 1962, mitten im Kalten Krieg, musste so etwas einschlagen – und prompt erhielt Dick auch den Hugo-Award für den besten SF-Roman des Jahres.
Dick machte den Anfang mit diesem Setting, andere folgten ihm nach, so Robert Harris mit Vaterland.
Es ist Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet dieser Roman mitsamt seiner Verfilmung mit Dick verwechselt wird: Dabei spielt Dicks Orakel vom Berge ausschließlich in den von Japan besetzten Teil der USA sowie den Rocky Mountain States. Hitler, Hakenkreuze, die komplette Nazi-Symbolik sowie von Nazis besetzte Gebiete oder gar Nazi-Deutschland tauchen im Roman überhaupt nicht auf – und damit schon gar nicht die bekannte Abbildung einer Freiheitsstatue mit Hitler-Kopf.
So ist es auch kein Wunder, dass man beim ersten Lesen von Dicks Roman verwundert, ja enttäuscht sein kann. Gerade in Hinblick auf die jüngste Serien-Verfilmung The Man in the High Castle, dessen Szenenfotos massiv mit Nazi-Symbolik punkten und dessen – von der Romanhandlung stark abweichende – Serienhandlung den Eindruck erwecken, die Nazis seien in der Originalgeschichte einfach überall, ist die Buchvorlage fast schon langweilig.
Es braucht nicht zu verwundern, dass es Jahrzehnte gedauert hat, bis eine Verfilmung des legendären Stoffs zustande kam: Filmische Umsetzungen brauchen Aktion, Antipoden, Gut und Böse – der Roman deutet all dies indes nur an.
Überdies liest sich der Roman nur aus den Augen eines Amerikaners der 60er-Jahre mit eben dem Grauen, das ihn zu dem Klassiker gemacht hat, der er heute noch ist.
Wie Kim Stanley Robinson in seinem vorzüglichen Vorwort der deutschen Heyne-Ausgabe aus dem Jahr 2000 (vergriffen, nur noch antiquarisch erhältlich) beschreibt, gibt es im Roman keinen Widerstand, den man von Amerikanern erwarten würde, vor allem sie von sich selbst. Die USA im Roman sind eine gebrochene, gescheiterte Nation, die besiegt und besetzt werden konnte, weil sie die Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929 nicht bewältigen konnte.
Schicksalsergeben fügen sich die Amerikaner ihrem Los. 1962 natürlich ein Horrorszenario und ein Schreckgespenst. Dick entkernt in seinem Roman die amerikanische Seele.
Doch der Roman hat generelle Schwächen – nicht nur am viel kritisierten Schluss.
Einen richtigen Spannungsbogen bietet Dick nicht. Ihm ist die Konstruktion seiner Fiktion und die Fiktion in der Fiktion (durch das Buch Die Plage der Heuschrecke, das einige Romanprotagonisten im Verlauf der Handlung lesen) wichtiger als die berühmte Spannung, die den Leser hält. Vieles wird angedeutet, lapidar gesagt, in stellenweise recht unechten und gestelzten Dialogen erwähnt; das war es dann. Es gibt einfach keine richtige Auseinandersetzung in der Geschichte, was zwar als notwendiges Stilmittel und als ironische Spiegelung der USA der 60er-Jahre durchgeht – das Lesen dennoch trotz einfacher Sprache nicht immer zum wahren Vergnügen macht.
Ja, die Montage der Handlungsstränge und der Beziehungen der Charaktere ist größtenteils gelungen, auch wenn gerade das Verhältnis zwischen den getrennten Eheleuten Frink zu sehr im Dunkeln und damit unglaubwürdig erscheint.
Doch, man wird das Gefühl nicht los: Gerade aus heutiger Sicht ist der Roman eigentlich viel zu kurz. Es ist genial, dass Dick uns Nazi-Deutschland sowie die von Nazi-Deutschland besetzte Westküste der USA ausdrücklich vorenthält – diese Auslassung gibt dem Roman Sound und Tiefe, die fesseln.
Vieles erscheint aber wie in Zeitdruck formuliert statt kunstvoll angedeutet. Man hat den Eindruck, dass Dick entweder keine Lust oder kein Vermögen hatte, die Geschichte weiter auszubauen.
So ist das Verhältnis Juliana/Joe so flach wie konstruiert und unglaubwürdig bis zuletzt. Vom Schluss darf man gar nicht erst reden: Der ist äußerst unbefriedigend und wird auch so mehrheitlich rezipiert. Ohne es auszuplaudern: Die komplette Schlussszene des Romans wirkt eigenartig steril, unfertig und unausgegoren, sowie äußerst lieblos und überhastet. Alles geht viel zu einfach, viel zu schnell, die Dialoge sind höchst unecht, die Interaktion der Figuren vollkommen unglaubwürdig.
Natürlich kann man einwenden, dass gerade dies ein Stilmittel ist, notwendiger Teil einer Konstruktion, die den Hinweis gibt auf die Möglichkeit, dass die dargestellte Parallelwelt „die unechte“ ist. Diesen Schluss lassen auch andere Szenen und Andeutungen zu, die im Roman zu finden sind. Aber auch in diesem Fall wäre der Schluss nicht gelungen, da er die grundsätzlichen Schwächen des Klassikers abschließend verdeutlicht: Dicks Das Orakel vom Berge versteht sich mehr als Ideen-Literatur, wo jedoch eine authentische Interaktion von Figuren im Roman notwendig gewesen wären.
Da Dick dies unterließ, stelzen eine Menge Charaktere durch ein damals nahezu revolutionäres Setting.
Gerade heutzutage liest sich der Roman mit zu hohen Erwartungen, die weder mit ihm, noch mit Dick zu tun haben, sowie mit Erwartungen an Stil und Ausführung, die Dick in seinem Roman nicht erfüllt.
Die Verfilmung als Serie wird – wie üblich bei Verflmungen, die auf Dick beruhen – eine Menge hinzudichten und in den Stoff hineinpflanzen und damit den Roman sich bis zur Unkenntlichkeit verfremden. Das ist schon bei Total Recall geschehen, vor allem aber in der mehr als freien Adaption von Blade Runner, bei dessen enormen Unterschieden zwischen Buch und Film man nahezu den Verstand verlieren kann.
Wie sehr die Serien-Adaption von Das Orakel vom Berge, nach dem Originaltitel des Buches The Man in the High Castle benannt, von der Vorlage abweicht und was vom Originalstoff übrig bleibt, ist seit Ende November bei Amazon Instant Video in englischer Originalfassung, ab 18. Dezember dann auch in deutscher Synchonisation zu sehen.

10 Minuten fürs Schreiben:

10 Minuten fürs Schreiben. So ins Unreine hinein. Um ins Schreiben zu kommen und ohne Zensurschere. Klar, ich werde am Ende vielleicht Rechtschreibfehler bügeln, aber sonst sollen die Knitterfalten und Brüche drin bleiben. Möglichst jeden Tag schreiben, 10 Minuten, mit Stoppuhr, die auf meinem Smartphone neben mir läuft.

Gute Idee?

Ich denke schon, aber ich kann noch nicht sagen, ob es wirksam ist. 10 Minuten schreiben jeden Morgen, das ist schon eine Ansage. Mach ich es beim Frühstück? Wie soll das gehen, beidhändig schreiben, Kaffeetrinken und Brot essen oder Müsli löffeln? Also muss es getrennt voneinander bleiben, aber ja, ich will schon sagen, dass das Schreiben hier den Vorrang hat. Essen und Trinken soll aber kein Reinschlingen werden.

Warum also plane ich das nun? Einerseits, um stets im Schreiben zu bleiben. Andere, wie Matthias Falke, der SF-Autor aus Karlsruhe, schreiben täglich Tagebuch, um ins Schreiben zu kommen.

Überhaupt: Ins Schreiben zu kommen: Das klingt wirklich gut. Es klingt wie ein Raum, den man bettritt. Es sagt noch mehr. Schreiben ist ein Raum, und er ist nebenan. Man muss ihn nur betreten. Der Eintritt ist leicht, der Austritt auch – und weil der Austritt gerade so verdammt einfach ist und manchmal auch verlockend, ist es eine Sache der Disziplin, ihn zu betreten.

Es heißt auch: Drin sein, und das ist etwas Harmonisches. In einem Raum zu sein, den man gern täglich oder zumindest häufig betritt, ganz freiwillig, auch wenn es eine Notwendigkeit sein mag, ihn zu betreten, hat etwas Heimisches, hat etwas von Heimatlichem, das das Schreiben ist. Und ja, das ist es auch.

Es sind ja viele Gedanken da im Kopf, eigenlich ständig. Und auch wenn keine Sau mehr heutzuge Wasserkessel kennen mag und damit verbunden dieses Pfeifen, wenn das Wasser kocht (Notiz: Auch ich kenne sie nur aus meiner frühen Kindheit in den 70ern, nicht, dass hier falsche Schlüsse gezogen werden, manche Dinge sind halt lang her und es ist auch nicht schlimm, heute hat man nunmal Wasserkocher und die pfeifen nicht, was allerdings ein Stück weit schade ist) – das ist einfach ein schönes Bild für mich: Worte, Ideen, Gedanken sind im Kopf, und es brodelt, irgendwie ständig. Und wer schreibt, will es in gewisser Form tun. In Form gießen, einem Ablauf folgen – heute sagt man eher Prozess dazu wie zu allem, alles muss Prozess sein, sonst hat es nicht nur keinen Wert, es scheint auch Angst zu machen wie vor bösem außerirdischem Leben. Aber das ist ja auch grad der Hemmschuh: Die Form steht im Weg, die Disziplin zur Form, des Gießens. Das macht es auch anstrengend.

Da ist so ein 10-Minuten-Schreib-Quickie wie der Stich in eine Blase. Das, was rausquillt, wäre ohnehin nie in andere Form gekommen, hätte sich nicht mit dem Körper vereinigt – und wäre damit unausgesprochen bzw. unausgeschrieben geblieben.
Ob das schade wäre hinsichtlich der Texte als solcher, mag dahingestellt sein. Aber das wäre wieder ein Stoplern über die Form.
Sie zu überwinden heißt nicht nur, auf sie zu pfiefen und dem freien Lauf zu lassen, was ist, was kommt und was quillt, sondern es heißt auch, auf das zu pfeifen, wie sie rezipiert werden. Ob da ein Neunmalkluger mit Zitronenlutschmund und gespitztem Stift sitzt und mangelnde Form, mangelnde Geisteshaltung oder weiß der Himmel was beklagt, kann und soll doch egal sein.

Und jetzt klingelt der Timer. 10 Minuten snd um. Und der Text damit einfach jetzt vorbei. Und Ende.

Jurassic World und das digitale Kino

Als vor 22 Jahren die Dinosaurier erstmals realistisch auf der Kinoleinwand zu sehen waren, sprach jeder von Steven Spielbergs Meisterwerk Jurassic Park. Heute sieht zwar scheinbar jeder Jurassic World, mit dem die Reihe nun nach vielen Jahren recht solide weitererzählt wird – doch ich vermisse etwas.

Ja, wir staunten alle mit offenen Mündern im Kino, damals 1993. Da war von Spielbergs neuem Film schon weit im Vorfeld die Rede, weil man von einer digitalen Innovation sprach, die Effekte erschaffen sollten, wie man sie bis dato noch nicht gesehen hatte. Schon zwei Jahre zuvor hatten wir mit Terminator 2 eine Trickeffekt-Fahrt gesehen, die gar kühnste Vorstellungskraft sprengte – wenn nun ausgerechnet Spielberg einen nie gekannten Realismus von Effekten ankündigte, konnte man gespannt sein. Und das waren wir. Auch, weil die Romanvorlage seit Jahren ein Bestseller war und die Frage kursierte: „Wie wollen die das denn bloß verfilmen?“ Trotz aller Hoffnungen, Spielberg werde es schon hinbekommen, gab es da auch die Zweifel in das, was Kino und Effekte abbilden können, zumindest glaubhaft.

Als wir dann im Kino saßen, war das unbeschreiblich. Wir sahen, was wir noch nie zuvor gesehen hatten. Wir sahen auch, was wir uns nie zuvor vorstellen konnten, jemals zu sehen – eine Überwältigung, die ihre Spuren in der Kinogeschichte hinterlassen hat.

Als Technik die Erzählung sprengte

In den 90er-Jahren war das noch aufregend: Da sahen wir plötzlich ganz neue Dinge – und damit auch neue Erzählungen. Geschichten emanzipierten sich dank neuer Tricktechnik, die alles zeigen konnte, aus dem Korsett des Darstellbaren. Nun konnte man Geschichten erzählen, die man vorher nie hatte erzählen können. Denken wir an Twister, Independance Day, Titanic, und nicht zu vergessen Anfang des Jahrtausends die Herr-der-Ringe-Trilogie. Die Technik vollbrachte mit dem Wunder neuer Bilder auch das Wunder neuer Erzählungen. Das war großartig.

Die digitale Ermüdung heute

Inzwischen ist all das abgenutzt. Es gibt einfach nichts mehr, was wir nicht schon gesehen haben, digitale Tricktechnik macht’s möglich.

Wie viel Rechnerleistung in Spider-Man-Filmen steckt oder im Hobbit, ist nur noch eine technische Angabe, die keinerlei Anteil mehr an neuen Geschichten trägt. Vielmehr gehen in erstaunlich vielen Filmen erstaunlich viele Städte unter, möglichst viele Trümmer und immer noch mehr Trümmer. Transformers 3, Transformers 4, Avengers 2, Man of Steel: Hier müssen es gleich ganze Städte sein, die untergehen. Abgesehen davon, dass es zwar grafisch hochaufgelöst ist, haben diese unzähligen, überteuren Effektorgien noch immer eben die Künstlichkeit, die Distanz bringen zwischen dem Zuschauer und der Erzählung. Wir wissen nicht nur, dass von all dem kaum etwas echt ist – wir sehen es auch immer noch.

In Katastrophenfilmen der 70er-Jahre gab es Story und Dramaturgie. Der Terror einer Katastrophe war spürbar.

Und heute? Da fliegen und krachen die Pixel. Hochaufgelöst, quietschbunt. Wie bereits in dem Film davor. Und dem davor. Und dem davor. Neues bietet sich uns nichts mehr, nicht einmal mehr eine technische Innovation. Im Gegenteil: Ich werde das Gefühl nicht los, dass mit der Einführung von 3D 2009 nun alles verschossen wurde.

Es ermüdet nunmehr, dass es keine neuen maßgeblichen Bildtechniken und auch Erzählformen mehr entstehen, sondern wir in einer Endloschleife des Ewiggleichen und Schonlängstgesehenen gefangen sind.

Alles digital, schon hundertmal gesehen

Die unsägliche Trümmerflut der überzüchteten Hollywood-Blockbuster-Maschine ist nur noch langweilig und meist narrativ dumm. Nicht einmal mehr noch größer können die Schlachten und Final-Spektakel mehr sein. Transformers 3 gipfelte schon vor Jahren in einer über 45-minüten Trümmerorgie, wie es sie zuvor noch nie gegeben hat. Zack Snyders augeblasener Man of Steel ließ die übertriebenste Finalschlacht aller Zeiten auf uns Zuschauer los. Der 3. Teil der Hobbit-Trilogie artete in grobmotorisches, grauenhaft schlecht erzähltes Getümmel ohne Story, Spannung, Sinn und Seele aus – und selbst die so gelungenen Avengers gaben uns im 2. Teil nicht viel mehr als schon tausendfach abgenudeltes, ausgeleiertes, kurz: Höchst langweiliges, uninspiriertes Gekloppe.

Das Staunen und das Ansehen

Das bringt mich zurück zu Jurassic World.

Ich sitze da, ich war 1993 von Jurassic Park überwältigt wie alle. Ja, wir hatten so etwas noch nicht gesehen.

Bei Jurassic World ist das nicht so. Wir werden ganz sicher alles schon einmal irgendwie irgendwo schon mal gesehen haben. Und richtig: Wo Jurassic Park 1993 Überwältungskino de luxe war, ist Jurassic World 2015 nichts weiter als einfache Unterhaltung.

Jurassic Park brachte uns 1993 das Staunen.

Jurassic World bringt uns 2015 einfach nur bessere digitale Dinos als damals.

Jurassic Park startete vor 22 Jahren in einer Zeit, da die Filme in den USA im Sommer anliefen und im Rest der Welt im Herbst. Filme hatten Wochen, teilweise gar Monate Zeit, einen Hype zu entwickeln, der dann nach und nach mit Verzögerung die anderen Länder erreichte.

Von Jurassic Park las ich im Sommer 1993 in der Tageszeitung die Headline „Die Dinos brechen alle Rekorde“. Da wusste man, Spielberg hat es geschafft. Und wir würden wirklich etwas zu sehen bekommen, das man so noch nicht gesehen hatte.

Heute starten die Filme weltweit nahezu zeitgleich. So kam Jurassic World ganz anders als sein großes Vorbild einfach in die Kinos. Was einst ein Werk war, ist heute Produkt, das zur Vermeidung der illegalen Raubkopien im Netz möglichst breit startet, damit die Einnahmen maximiert werden können.

Der vermisste Moment

Nun saß ich in Jurassic World und er gefiel mir. Aber wenn ich ehrlich bin, liegt das auch zum großen Teil daran, dass er die Geschichte von vor 22 Jahren geschickt aufgreift, weitererzählt und damit in seine eigene Erzählung integriert. Da man mich in Jurassic World immer wieder an Jurassic Park erinnert, erinnere ich mich auch an die Wirkung des Originals vor 22 Jahren – die letztlich auf den neuen Film abfärbt.

Natürlich ist das richtig, notwendig, vernünftig und überdies geschickt gemacht. Aber wären die Dinos heute genauso erfolgreich wie ohne das Original?

Spielbergs Film ist Legende. Alles danach profitiert von ihr.

1992 saß ich im Kino die Auflösung der Grenze zwischen Realität und Spezialeffekt. Heute im hochauflösenden Zeitalter sind neben den Gewöhnungseffekten die Tricks oft nicht überzeugend genug, um nicht künstlich zu wirken.

Deshalb: Ja, ich vermisse etwas. Das Besondere. Das Einzigartige. Den Kinomoment, der prägt und den ich mitnehme. Bilder, die ich nie vergesse, wie ich auch ihre Wirkung auf mich nie vergesse.

Man kann es auch Magie nennen. Das ist den meisten Filmschaffenden in der Blockbuster-Industrie (die sich übrigens markant von der übrigen Filmindustrie unterscheidet) inzwischen ein Fremdwort. Ob nun unfähige Regisseure, schlechte Drehbücher, omnipotente Produzenten, gegen die sich Kreative nicht durchsetzen können: Sie arbeiten nur noch selten an Geschichten, die Tricktechnik erfordert – Cameron ist so einer – sondern an Produkten und im schlimmsten Fall an Franchises.

Nein. Das macht mir keinen Spaß.