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Vatertag für meinen toten Vater

Heute ist Vatertag 2022. Hätten wir diesen Tag wie immer auch diesmal ignoriert, wenn du noch leben würdest? Nun, da du 3,5 Monate tot bist, denke ich zum ersten Mal daran, dass heute Vatertag ist. Wir haben an diesem Tag nie telefoniert. Haben uns nicht gesehen. Selbst eine Nachricht hat es nicht gegeben. Du fandest diesen Tag immer albern und ich war ganz froh darüber. Es war ein Feiertag, an dem man frei hatte und fertig. 
Als ich dich einmal aus Jux anrief und „Alles Gute zum Vatertag“ ins Telefon trällerte, hast du mich lachend gefragt, ob ich „noch alle auf der Latte“ hätte. 
Der Spaß war gut.

Abgesehen davon ist es uns vor einiger Zeit ergangen wie manchen Paaren in langjährigen Beziehungen: Wir haben uns auseinandergelebt. Das war für beide nicht schön, aber hätten wir es ändern können? In den letzten Jahren hat sich eine Leerstelle in unser beider Leben geschwiegen, die wir bewusst nicht wahrnahmen. Manchmal keimte noch das auf, was vor Jahren verloren ging, aber gleichzeitig auch die Erkenntnis, dass da ein Zug abgefahren war, warum auch immer.

Doch nun, da der Vatertag ohne Vater da ist, halte ich inne. Es fühlt sich seltsam an. 

Der Tod kam immer schneller und schließlich plötzlicher, als wir alle ahnten. Wir hatten keine Zeit mehr für klärende Gespräche. Ich saß an deinem Bett und war bei dir, als du starbst. 

Das merkwürdige Schweigen zwischen uns schweigt seitdem. Dafür tönt die Frage, wie es so weit hat kommen können. Wir haben bis zum Schluss gesprochen, doch alle Worte glühten wie ein Ereignishorizont um ein Schwarzes Loch, das nur du deuten konntest, wenn überhaupt.

Habe ich all die Fragen gestellt, die nötig gewesen wären? Hättest du all die Antworten geben wollen, auf die ich gewartet habe? Hättest du sie selbst gehabt?
Wer weiß.

Seitdem frage ich mich viele Dinge und weiß doch auch, dass es zu spät ist. 
Wieder halte ich inne. Denn diese beiden Worte dröhnen: Zu spät.

Würdest du heute noch leben und wärst nicht so krank geworden, hätten wir diesen Tag wie immer vorbeiziehen lassen. 

Würdest du heute mit deiner Krankheit noch leben: Ich hätte angerufen. Hätte sorgsam das Wort Vatertag vermieden, aber ich hätte angerufen, denn es war ja klar: Der Krebst würde dich bald umbringen. In solchen Zeiten überspringt man die Kluft, die trennt. 

Aber ich rufe dich heute nicht an. Der Krebs hat dich geholt, am Valentinstag, ausgerechnet. 

Deine Handynummer ist noch eingespeichert, und riefe ich an, träfe sie auf …

Heute ist also Vatertag 2022. Wenn du noch leben würdest, hätten wir diesen Tag nicht wie immer ignoriert. Du hättest dich gefreut über meinen Anruf. 

Für den es nun zu spät ist. So ist heute ein besonderer Vatertag. Vermutlich der erste von vielen.

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