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Ich bin für etwas da oder: Was heißt schon Talent?

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„Ich bin für etwas da.“ Sagt man sich manchmal ganz gerne, wenn es darum geht, sich sich selbst zu vergewissern. An diesem Punkt ist diese Methode aber auch schon zu ihrer größten Entfaltung gekommen. Das ist unterm Strich eher wenig. Denn was wollen wir uns oder anderen damit sagen? Dass ich ein Talent habe? Eine Bestimmung? Gar die Pflicht, mein Talent meiner Bestimmung gemäß zur Entfaltung zu bringen?

Alter Falter, lassen wir den doch besser auf seinem Zweig sitzen und schütteln uns.

Habe ich Talent? Ja, ich denke schon. Ist es das Talent zum Schreiben? Möglich – aber kommt es darauf an? Fakt ist: Seit 20 Jahren bin im schreibenden Beruf. Seit ich elf Jahre bin, schreibe ich Geschichten und Bücher. Da darf ich eher von Erfahrung sprechen statt von Muse, Begabung oder Talent. 

Mozart hatte Talent, als er keine vier Jahre alt war. Ab dann konnt er’s, vermutlich besser als die meisten, was möglicherweise auch mit seinem Talent zu tun hatte – aber Talent wozu überhaupt? Zur Musik oder zur Mathematik, zu Methodik, Harmonielehre? Vielleicht bestand sein Talent mehr darin, aufmerksamer und lernwilliger gewesen zu sein als andere und damit schneller Fertigkeiten erlernt zu haben, die ihn schon früh über jedes Maß hinaushoben. Verbunden mit frühen Erfolgserlebnissen, die ihn dazu brachten, kontinuierlich am Ball zu bleiben, eine entsprechend frühe, permanente Erziehung durch sein musisches Umfeld und durch ständiges Üben immer besser zu werden, entwickelte sich dieser Mensch zu dem Meister, der er schließlich wurde. 

Was ich damit sagen will: Ich weiß nicht, ob es Mozarts Bestimmung war, erst Wunderkind der Musik und dann einer der größten Komponisten der Musikgeschichte zu werden. 

Die Tatsache, was er wurde, hat eben auch viel mit seinem Umfeld, mit Förderung, Übung und der Gabe zu tun, Erlerntes anzuwenden. Welche weltbewegenden Torten hätte er also kreiert und gefertigt, wenn er in einer Konditorenfamilie hineingeboren worden wäre?

Die Aussage „Ist bin für etwas da“ ist an sich leer und damit wertlos. Dass man dafür da ist, was man beruflich tut oder was einen erfüllt, ist nur so dahingesagt.

Wer weiß schon, was passiert wäre, wenn andere Verhältnisse geherrscht hätten. Wäre ich ein „begnadeter“ Mechaniker oder ein „passionierter“ Physiker geworden, wenn die Dinge anders gelaufen wären?
Habe ich also ein Talent zum Schreiben, oder ist mein Schreiben anderen Tatsachen zu verdanken, die nichts mit Talent, Gabe, Begabung zu tun haben?

Bleibt am Ende gar nichts weiter als die Kombination aus Auffassung, Prägung, Übung, Praxis und Erfahrung? 

Ich weiß es nicht. Und wenn ich ehrlich bin, ist es auch völlig nebensächlich. 

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