Dystopien

Datenschutz als Futter für Dystopien

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Kürzlich schrieb ich über meine neue SF-Story Der Gärtner von Eden und Lächeln anlässlich der Lesung „Future Monday“ zum Thema „Wir wissen, was du machst! Datenkraken & Sammelwut“ im Karlsruher KOHI.
Als ich mich erstmals mit dem Thema für eigene Geschichten befasste, machte ich die erstaunliche Entdeckung, dass sich Datenschutz und Datenmissbrauch noch besser für Dystopien eignen als die Angst vor Atomschlägen in Zeiten des Kalten Krieges – das sagte ich auch während meiner Lesung zu dem Publikum.

Zwar stand Der Gärtner von Eden sofort für mich fest, aber die Flut an möglichen Geschichten, die mir möglich und geeignet erschienen, geschrieben zu werden, hat mich dann doch beeindruckt. Gut ein Dutzend Ideen hatte ich nach kürzester Zeit im Kopf, und ich bezweifle, dass dies auf meine Phantasiebegabung zurückzuführen ist. So war auch schnell mein Entschluss klar, als zweite Story zum Thema Lächeln zu schreiben, die als zweite meiner Texte in der Lesung ihre Premiere gefeiert hat.

Stattdessen scheint dies ein reichhaltiges Angstthema zu sein, das sowohl aktuellen Zeitbezug hat, als auch eigene Erfahrung: Denn wir werden schließlich tagtäglich mit Daten und ihrem Umgang konfrontiert – als Anwender, als Kunde, privat und beruflich. Jeder hat etwas dazu zu sagen, weil in unser aller Leben Erfahrungen mit diesen Technologien und den damit verbundenen Organisationen und Systemen stecken. Wir teilen diese Erfahrungen alle.

Fast scheint es, als haben wir uns selbst in Daten verwandelt – was auch das unbestimmte Unbehagen erklären mag, das da unter der gesellschaftlichen Folie vibriert:
Ein Unbehagen davor, dass wir selbst zu nur noch auf Datenebene verwertbare Einheiten verkommen, deren Wert sich an verwendbaren Daten misst, die wir darstellen.

Ein Unbehagen davor, dass wir selbst zu Daten werden und darüber unser Menschsein verlieren. Aber auch ein Unbehagen davor, als Daten ausgebeutet zu werden – was in früheren Gesellschaften ausgebeutete Arbeiter darstellten, werden wir nun als ausgebeutete Datensammlungen. Schön kann das niemand finden.

Vor allem ist da aber das Unbehagen vor der Verletzlichkeit und des Kontrollverlusts: Der Privatsphäre, des Vertrauens, der Eigenständigkeit. Und auch wenn das Private eine ausgesprochen junge Erfindung der Menschheitsgeschichte ist, so ist es doch ein grundlegender Pfeiler.

Es war nicht so, dass ich lange über einzelne Themen nachdachte: Stattdessen drängten sie sich mir auf – und das, obwohl ich selbst Verfechter der Tatsache bin, dass es „gute“ Daten gibt und er Erkenntnisgewinn durch gewonnene Daten durchaus humane, menschliche und ethisch hoch stehende Ziele verfolgen kann.

Aber es stimmt natürlich: Geschichten schreibt man nie über Dinge, die gut laufen, wo bliebe da der Konflikt, die Spannung, ohne die keine Story auskommt?
Und doch hat es mich überrascht, wie viel Themen mir plötzlich im Kopf standen: Gesundheitsdaten, die missbraucht, aber auch fehlinterpretiert werden können, stets gepaart mit der Technologiehörigkeit, die seit Jahren in dem Maße stärker wird, in dem die Massen sich weniger als Mensch, sondern als bloße „Anwender“ begreifen (dieses Thema werde ich beizeiten übrigens in einem eigenen Text aufgreifen).

Ich musste mir die Frage stellen: Steht da wirklich derart Schlimmes vor unserer Tür, oder sind wir mittlerweile Menschen, denen Alarmismus zur Gewohnheit geworden ist?

Auch ohne werten zu wollen ist klar: Da kommt etwas auf uns zu. Etwas, für das es noch kein Beispiel gibt und damit auch kein so sehr beliebtes Best-practise-Beispiel, das uns die Listen zum Abarbeiten zur Verfügung stellt. Etwas, dessen Funktionsweisen im Geheimen von Technologie wirken, die die meisten weder beherrschen, noch in den Grundzügen verstehen – gepaart mit krimineller Energie und wirtschaftlicher Rücksichtslosigkeit kommt beim Nachdenken erstaunlich schnell an den Rand einer Apokalypse.

Ich stehe nun da mit vielen Geschichten im Kopf und staune über die Vielzahl. Und erschrecke, wie real die meisten davon bereits heute sind.