Der Bildungsbürger. Eine Tragödie im Schlussakt

Es ist etwas passiert mit dem Bildungsbürger: War er aus Gewohnheit einer oftmals selbst erklärten Filterblase geistiger Elite nicht gebildet genug und von ihr mit dem abwertenden Prädikat des Bildungsbürgers verunglimpft, ist er seit geraumer Zeit auch jenen zu dumm, die es nicht einmal ansatzweise in ihren Bildungsstand schaffen. Besitzt der Bildungsbürger für die Hochgeistigkeit einfach nicht Bildung genug, besitzt er für die Ungebildeten einfach zu viel an Nutzlosem – was ihn letztlich überflüssig machen soll, da Bildung weder nötig, noch erstrebenswert, noch respektabel ist. Ein Vorwand, der den eigenen Mängel an Wissen und Bildung kaschieren soll.

Der Bildungsbürger als solcher ist bereits schon soweit, dass er sich selbst nicht mehr als solcher bezeichnen würde, weil er das Dauerfeuer von zwei Seiten nicht mehr abwehren kann oder will. Er muss sich nicht nur ständig Kommentare und Fragen nach seinem Stand, seiner Bedeutung und seiner nicht vorhanden Wichtigkeit gefallen lassen, er fragt sich mittlerweile selbst: Schadet diese Bildung eigentlich, und wäre ich nicht besser dran, wenn ich einfach auf sie pfeife? Und ist es unangenehm, meine Bildung zu zeigen und zu ihr zu stehen?

Was ist Bildung dann in letzter Instanz? 

Sie ist Mittel zur Abgrenzung und Waffe. Wer elitär ist, nutzt diesen Stand meist nur aus sozialen Gründen und verschanzt sich hinter Mauern. Und wer wenig bis keine Bildung besitzt, relativiert sie, indem er sie als Waffe gegen den Bildungsbürger einsetzt.

Nun kann man sich fragen, wohin das führen soll in einer Gesellschaft, in der man noch von „Mittelschicht“ als gegeben und für den sozialen Frieden und soziale Stabilität erforderlich spricht. Wo sie schrumpft, verhärten sich die Ränder um ein Vakuum, das über kurz oder lang gefüllt werden muss – fragt sich nur, mit was.

Schaut man hin, was gemeint ist, wenn man allgemein von Bildung spricht, so wird ersichtlich: Bildung wird immer mehr das, was den Einzelnen zum Ausüben einer langen Tätigkeit in einer sich rasch wandelnden Gesellschaft befähigt – und das ist in erster Linie immer mehr Fachwissen und praxisorientiertes Know-how, das dem Gesetz der Geschwindigkeit und der Spezialisierung unterliegt. Schnelle Ergebnisse und Lösungen sind gefragt, die man später hübsch agil modifizieren und verwerfen kann.

Bildung als der Wert, der sie einmal war, heißt nur noch Bremse und Ablenkung vom vermeintlich Wichtigen. Der Bildungsbürger ist somit ein Bremser von allem, der zudem zu langsam ist und über keine Kenntnisse verfügt, schnell erfolgreiche und vor allem verwertbare Lösungen zu erzielen.

Aus dieser Warte ist verständlich, dass der Bildungsbürger verliert, denn er wird durch diese neue Brille betrachtet ein Amateur, der selbst den Ungebildeten unterlegen ist und bleibt, weil er offenbar aufs falsche Pferd gesetzt hat und einen Wasserkopf an Wissen durch die Gegend trägt, mit dem er keinen Blumentopf mehr gewinnt. Er versteht nicht, weiß nicht, kann nicht mithalten. Und ist somit nichts mehr wert, weil es immer weniger Menschen gibt, die Bildung als solche für sinnvoll, erstrebenswert und wichtig halten. 

Durch Abwertung seiner Bildung verliert er an Existenzberechtigung als Bürger, womit wir bei undemokratischen Tendenzen wären. Denn wer nur noch geschätzt und geduldet wird, wenn er einsatzfähig und verwertbar ist, unterlässt zahlreiche Dinge, die ihm demokratisch zustünden, weil sie sozial geächtet sind. Es bedarf nicht erst Gesetze, um etwas zu verbieten: das übernehmen die Gesellschaftskreise schon von ganz allein.

Wir haben es also nicht einfach nur mit einer Ironisierung und Abwertung einer wie auch immer gearteten Gesellschaftsgruppe zu tun. Sondern mit einer schrittweisen Auflösung an Grundwerten und -rechten zugunsten eines Marktes, der sich um Verfassungen nicht schert: Bildung und Bürger nämlich. 

Wir sollten besser aufpassen.