Technik

Daten-Hoheit

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Es ist ein besonderes Gefühl, sich einmal mit seinen diversen digitalen Accounts zu befassen und sich zu fragen: Welche Daten von mir und über mich liegen wo und wozu eigentlich herum? Da kommt es zu interessanten Überlegungen:

Wir kämen nie auf die Idee, in jedem stationären Ladengeschäft schon beim Betreten oder bei der Mitnahme eines Flyers eine Visitenkarte abzugeben, auf der zudem Zahlungsarten und Zutrittsdaten stehen, geschweige denn kommen wir auf die Idee, diese bereitwillig auch in der Innenstadt zu verteilen. Wir sagen niemandem, in welchem Laden ich schon vorher war und in welche ich gleich noch gehen will. Wir legen weder Ausdrucke von persönlichen Fotos auf Bartresen oder an Supermarktkassen, spielen keinem Berater in einem Bekleidungsgeschäft unser neuestes Urlaubsvideo vor und zeigen auch keinem Fremden, was auf der Party am Wochenende nach der dritten Runde alles so gelaufen ist. Und wer unsere Familie und Freunde sind, wissen die netten Leute in der Bäckerei auch nicht.

Geht ja niemanden etwas an.

Erst recht fiele uns nicht ein, all dies anzugeben, nur um dafür Werbung von unseren Favoriten in den Postkasten zu bekommen und es als Service anzusehen, dass wir dadurch wenigstens keine ungewollte Werbung mehr erhalten.

Da ist es doch verwunderlich, wie liederlich wir hinsichtlich unserer Daten-Hoheit sind, wenn es um digitale Dienste und Anbieter geht – offenbar ist es für uns leichter, Misstrauen gegenüber realen Personen zu empfinden, die uns mit ihren echten Augen ansehen und deren Reaktionen wir sofort sehen können; wie es auch leichter ist, einem realen Menschen gegenüber Scham zu empfinden angesichts der Dinge, die wir preisgeben. Die Menschen, die all das nichts angeht, sehen wir im Digitalen nicht, und die Unsichtbarkeit und Automatisierung vieler Prozesse machen es uns leicht zu glauben, niemandes Interesse zu erregen.

Die Sache ist nur: Darum geht es ja gar nicht. Es geht vielmehr darum, dass ich die Hoheit über meine Daten und Dateien abgebe. Solange ich sie für mich aufbewahre, kann ich ermessen, was mit ihnen geschieht. Verteile ich sie jedoch auf anderen Diensten, gebe ich die Verantwortung über sie ab und verliere meine Hoheit über sie. Mir kommt es so vor, als sind wir uns dessen entweder gar nicht bewusst, weil wir aus Bequemlichkeit vertrauensselig sind, oder wir geben die Hoheit absichtlich ab, um damit die Sorge für ihren Verbleib auf andere abzuwälzen, die ich im Falle einer Panne verantwortlich machen kann – aus meiner Sicht erst recht ein Bequemlichkeitsargument. 

„Meins“ im Sinne von „gehören“ verwässert sich immer mehr zu „immer verfügbar“. Das ist jedoch ein Unterschied, der uns gar nicht mehr auffällt, weil hier der Nutzen an sich mit Eigentum gleichgesetzt wird – die eigentlichen Güter, um die es hier geht wie Daten, Dateien, Inhalte, erkennen wir gar nicht mehr als Eigentum, sondern nur noch die Bequemlichkeit, sie allseits nutzen zu können.

Das wäre in etwa so, als stellten wir unsere Besitztümer öffentlich in Schränke und Regale, damit wir bequem etwas herausholen können, ohne extra nach Hause zu fahren.

Das Problem ist meiner Ansicht nach, dass wir von Eigentum nur noch dann sprechen, wenn wir die Dinge konkret sehen und anfassen können. 

Mir ist das unheimlich. Dabei geht es mir überhaupt nicht um Missbrauch, Hacks, Spionage – sondern einfach nur darum, dass ich über Daten und Dateien von mir die Hoheit abgegeben habe: Fotos bei Flickr: Wozu? Es spielt keine Rolle, ob es dafür ohnehin „bessere Dienste“ gibt. Der springende Punkt ist, dass ich nicht mehr das alleinige Zugriffsrecht mehr habe. Wir sagen gern „Daten-Sicherung“ dazu. Wenn mal zu Hause etwas schief geht, sind sie einfach noch woanders, praktisch! Warum sollte ich meine Videos nicht bei YouTube bunkern, damit ich sie noch habe, wenn die Festplatte abraucht?

Das leugne ich nicht.

Nur: So viele abrauchende Festplatten kann die Welt gar nicht hervorbringen, wie wir uns einreden, das sei unser Grund. 

Ebenso Logindaten für welche Dienste auch immer: Natürlich kann man gewitzt genug sein und  fiktive Daten angeben – allerdings funktioniert das gerade dann nicht, wenn es um wirklich sensible Daten geht, wie z.B. Bankdaten, Adressen für Bestellungen und so weiter. 

Wir haben uns einfach angewöhnt, unseren Besitz gegen Verfügbarkeit einzutauschen. Der Preis dafür ist Vertrauen in Anbieter, Dienste und Services, die wir nur deshalb so nennen, damit wir uns einreden können, sie seien für uns da und sie stünden in unserer Pflicht. Wir reden uns ein, ihre Produkte zu nutzen, um die Tatsache ignorieren zu können, dass wir mit unseren Daten Produkte für sie sind. 

Wir wissen all das, und wir kommen trotzdem nicht auf die Idee, etwas dagegen zu unternehmen. Wir lassen uns von einfachen Logins verführen und wundern uns, dass dabei unsere Privatsphäre verletzt wird wie im Fall Facebook und Google Analytica. Wundern wir uns wirklich? Oder haben wir uns eher die ganze Zeit wider besseres Wissen einfach darauf verlassen, dass schon alles gut gehen wird, weil es so schön einfach für uns ist?

Wir argumentieren gern mit dem Begriff der Freiheit, unserer Freiheit – und meinen damit nichts weiter, als uneingeschränkt immer und überall auf alles Zugriff zu haben; die technische Verfügbarkeit ist Grund und Ursache, ist alles und alleinig das Erstrebenswerte, weil es technisch machbar ist. Es ist eine schöne, verführerische Illusion von Freiheit, die mit der Unfreiheit einhergeht, nicht mehr Herr über unsere Daten und Dateien zu sein.

Das kann man achselzuckend hinnehmen oder sich einschränken, denn auch das gehört zur individuellen Freiheit dazu: Sich zu entscheiden, manche Dinge einfach nicht mehr einfach deshalb zu tun, weil sie technisch möglich sind, sondern es zu unterlassen, um damit wieder unabhängiger zu werden und nicht dem Gefühl zu erliegen, mich ausgeliefert zu haben. Es ist eine Art von Datenhygiene, die ich in letzter Zeit sehr gerne betrieben habe. Zahlreiche Accounts habe ich stillgelegt, zahlreiche Dienste nutze ich nicht mehr. Es fühlt sich an, als habe ich die Liebsten nach Hause geholt. Und habe endlich wieder mehr Hoheit über meine Daten.