Die 10 wichtigsten Bücher, Platz 10: „Accelerando“ von Charles Stross

Top 10 Bücher Platz 10: AccelerandoScience Fiction ist ideales Terrain für Gedankenspiele, wohin sich die Menschheit entwickelt, und welche Folgen dies haben wird. Charles Stross geht in seinem Buch in diesem Punkt mächtig zur Sache und spinnt eine Welt, an deren Anfang wir tatsächlich stehen könnten. Stross ist ein Denker unter den SF-Autoren, mehr noch, ein Weiterdenker. Er ist in der Lage, das Fortschreiten von Technologien, die sich heute bereits abzeichnen oder die wir inzwischen sogar nutzen, schlüssig darzustellen und stringent zu durchdenken.

Der Titel des Buches ist ein lateinischer Begriff aus der Musiktheorie und bedeutet „schneller werdend“. Sein Ansatz im Buch: Technologischer Fortschritt wird immer schneller. Das wird die Menschen in Gruppen aufteilen und eben jene zu Nutznießern, gar Pionieren der fortschreitenden Technologie machen, die in der Lage sind, mit ihr Schritt zu halten – doch auch jene werden nur noch dann dazu in der Lage sein, wenn sie sich mittels Technologie optimieren.

Das kommt uns bereits jetzt schon recht vertraut vor, und so ist die Geschichte am Anfang auch nicht sonderlich fremdartig. Doch das wird sie im Verlauf des Buches und nimmt Dimensionen an, die vorher noch kein Autor so konsequent zu Ende gedacht und formuliert hat.

„Accelerando“ ist ein regelrecht bewusstseinserweiterndes Buch, das SF auf das Level eines zuverlässigen Orakels hebt. Stross bleibt bei allen folgenden technischen Exzessen nahe an den Figuren und daran, wie sie sich in diesem technologischen Umfeld behaupten. Sind jene Protagonisten, die den technischen Wandel vollends mitmachen, sich durch ihn definieren und in ihrer Evolution ebenso voranschreiten, eigentlich noch Menschen? Mehr noch: Was macht Menschsein aus? Verändert es die Technologie, verändert die Technologie das Menschsein, oder bedingen beide eine Parallelevolution des menschlichen Geistes, der notwendig und damit ein rein evolutionärer Entwicklungsschub ist? Wäre dem so, dann wäre Technologie, die den Menschen weiterbringt und auch verändert, sowohl maßgeblich und natürlich Teil einer Evolution. Ergo: Technologie ist Evolution und nichts Fremdartiges.

Was mich an dem Buch so beeindruckte, war neben der guten Schreibe von Charles Stross vor allem diese Fragestellung nach dem, was den Menschen ausmacht, und ob Technologie möglicherweise dazu gehört.

Erst danach wurde mir bewusst, wie sehr Technologien die Evolution bis heute bestimmt haben, man nehme allein die Technik des Feuermachens, die Anfertigung von Waffen zu Jagd, das Rad – und auch für uns heutzutage grundlegende Errungenschaften wie die Dampfmaschine und die dadurch hervorgegangene industrielle Revolution: Sie hat den Menschen voran grbacht. Und die Entwicklung geht immer schneller.

Mich beruhigte dieser Roman, auch wenn vieles von dem, was darin steht, geradewegs erschreckend ist. Denn auch hier stellt sich die Frage: Ist das Erschrecken über neue Technologien eigentlich substanziell gerechtfertigt, oder ist es in Wahrheit nicht mehr als ein Erschrecken vor dem, was man nicht kennt?

Die antiken Griechen ließen mit der Philosophie das Zeitalter der Mythen hinter sich und fanden heraus, was die Welt ausmacht. Ihre Mythen – wie Mythen überhaupt – sind schließlich im Grunde nichts anderes als Erzählungen, die das bislang Unbekannte, mit dem man konfrontiert wird, in Worte und Gedanken packt. Man muss die Welt deuten, die man sieht. Und diese Sichtweise ist begrenzt vom herrschenden Horizont. Doch je weiter der Horizont rückt und je weiter man blickt, umso weniger erschreckend sind die Dinge, vor denen man kürzlich noch Angst hatte.
In Folge dessen wären auch wir heute noch von Angst geprägt und sind auf bestimmte Mythen bzw. Struktuen von Mythen angewiesen, um die Welt zu deuten und sie uns zu Eigen zu machen. Wann aber sind wir „vollständig entwickelt“? Wenn wir all dies nicht mehr brauchen, und die Entwicklung uns so weit gebracht hat, dass alle Dinge offen liegen? Was unterscheidet uns aber dann von den antiken Griechen, wenn wir auch heute noch in ihren Denkstrukturen leben?

„Accelerando“ ließ mich beeindruckt zurück und veränderte meine Sichtweise auf diese Fragen.

Daher hat es einen Platz gefunden in meiner Top 10-Liste der Bücher, die mich am meisten beeindruckt oder beeinflusst haben.

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