Das Orakel vom Berge von Philip K. Dick: Roman und Verfilmung im Vergleich

Nein: Das Orakel vom Berge ist sicher nicht der beste Roman Philip K. Dicks. Wenn auch sein bekanntester. Es ist dies eine Art Fluch eines Autors, der an einer Messlatte gemessen wird, die er selbst nicht beeinflussen kann.

Ja, Dick konnte es besser. Der Grund der Popularität von Das Orakel vom Berge mag im einzigartigen Setting liegen: In der im Roman beschriebenen Parallelwelt haben Nazi-Deutschland und Japan den 2. Weltkrieg gewonnen. Als Sieger haben sie zudem die USA unter sich aufgeteilt.
Im Erscheinungsjahr 1962, mitten im Kalten Krieg, musste so etwas einschlagen – und prompt erhielt Dick auch den Hugo-Award für den besten SF-Roman des Jahres.
Dick machte den Anfang mit diesem Setting, andere folgten ihm nach, so Robert Harris mit Vaterland.
Es ist Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet dieser Roman mitsamt seiner Verfilmung mit Dick verwechselt wird: Dabei spielt Dicks Orakel vom Berge ausschließlich in den von Japan besetzten Teil der USA sowie den Rocky Mountain States. Hitler, Hakenkreuze, die komplette Nazi-Symbolik sowie von Nazis besetzte Gebiete oder gar Nazi-Deutschland tauchen im Roman überhaupt nicht auf – und damit schon gar nicht die bekannte Abbildung einer Freiheitsstatue mit Hitler-Kopf.
So ist es auch kein Wunder, dass man beim ersten Lesen von Dicks Roman verwundert, ja enttäuscht sein kann. Gerade in Hinblick auf die jüngste Serien-Verfilmung The Man in the High Castle, dessen Szenenfotos massiv mit Nazi-Symbolik punkten und dessen – von der Romanhandlung stark abweichende – Serienhandlung den Eindruck erwecken, die Nazis seien in der Originalgeschichte einfach überall, ist die Buchvorlage fast schon langweilig.
Es braucht nicht zu verwundern, dass es Jahrzehnte gedauert hat, bis eine Verfilmung des legendären Stoffs zustande kam: Filmische Umsetzungen brauchen Aktion, Antipoden, Gut und Böse – der Roman deutet all dies indes nur an.
Überdies liest sich der Roman nur aus den Augen eines Amerikaners der 60er-Jahre mit eben dem Grauen, das ihn zu dem Klassiker gemacht hat, der er heute noch ist.
Wie Kim Stanley Robinson in seinem vorzüglichen Vorwort der deutschen Heyne-Ausgabe aus dem Jahr 2000 (vergriffen, nur noch antiquarisch erhältlich) beschreibt, gibt es im Roman keinen Widerstand, den man von Amerikanern erwarten würde, vor allem sie von sich selbst. Die USA im Roman sind eine gebrochene, gescheiterte Nation, die besiegt und besetzt werden konnte, weil sie die Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929 nicht bewältigen konnte.
Schicksalsergeben fügen sich die Amerikaner ihrem Los. 1962 natürlich ein Horrorszenario und ein Schreckgespenst. Dick entkernt in seinem Roman die amerikanische Seele.
Doch der Roman hat generelle Schwächen – nicht nur am viel kritisierten Schluss.
Einen richtigen Spannungsbogen bietet Dick nicht. Ihm ist die Konstruktion seiner Fiktion und die Fiktion in der Fiktion (durch das Buch Die Plage der Heuschrecke, das einige Romanprotagonisten im Verlauf der Handlung lesen) wichtiger als die berühmte Spannung, die den Leser hält. Vieles wird angedeutet, lapidar gesagt, in stellenweise recht unechten und gestelzten Dialogen erwähnt; das war es dann. Es gibt einfach keine richtige Auseinandersetzung in der Geschichte, was zwar als notwendiges Stilmittel und als ironische Spiegelung der USA der 60er-Jahre durchgeht – das Lesen dennoch trotz einfacher Sprache nicht immer zum wahren Vergnügen macht.
Ja, die Montage der Handlungsstränge und der Beziehungen der Charaktere ist größtenteils gelungen, auch wenn gerade das Verhältnis zwischen den getrennten Eheleuten Frink zu sehr im Dunkeln und damit unglaubwürdig erscheint.
Doch, man wird das Gefühl nicht los: Gerade aus heutiger Sicht ist der Roman eigentlich viel zu kurz. Es ist genial, dass Dick uns Nazi-Deutschland sowie die von Nazi-Deutschland besetzte Westküste der USA ausdrücklich vorenthält – diese Auslassung gibt dem Roman Sound und Tiefe, die fesseln.
Vieles erscheint aber wie in Zeitdruck formuliert statt kunstvoll angedeutet. Man hat den Eindruck, dass Dick entweder keine Lust oder kein Vermögen hatte, die Geschichte weiter auszubauen.
So ist das Verhältnis Juliana/Joe so flach wie konstruiert und unglaubwürdig bis zuletzt. Vom Schluss darf man gar nicht erst reden: Der ist äußerst unbefriedigend und wird auch so mehrheitlich rezipiert. Ohne es auszuplaudern: Die komplette Schlussszene des Romans wirkt eigenartig steril, unfertig und unausgegoren, sowie äußerst lieblos und überhastet. Alles geht viel zu einfach, viel zu schnell, die Dialoge sind höchst unecht, die Interaktion der Figuren vollkommen unglaubwürdig.
Natürlich kann man einwenden, dass gerade dies ein Stilmittel ist, notwendiger Teil einer Konstruktion, die den Hinweis gibt auf die Möglichkeit, dass die dargestellte Parallelwelt „die unechte“ ist. Diesen Schluss lassen auch andere Szenen und Andeutungen zu, die im Roman zu finden sind. Aber auch in diesem Fall wäre der Schluss nicht gelungen, da er die grundsätzlichen Schwächen des Klassikers abschließend verdeutlicht: Dicks Das Orakel vom Berge versteht sich mehr als Ideen-Literatur, wo jedoch eine authentische Interaktion von Figuren im Roman notwendig gewesen wären.
Da Dick dies unterließ, stelzen eine Menge Charaktere durch ein damals nahezu revolutionäres Setting.
Gerade heutzutage liest sich der Roman mit zu hohen Erwartungen, die weder mit ihm, noch mit Dick zu tun haben, sowie mit Erwartungen an Stil und Ausführung, die Dick in seinem Roman nicht erfüllt.
Die Verfilmung als Serie wird – wie üblich bei Verflmungen, die auf Dick beruhen – eine Menge hinzudichten und in den Stoff hineinpflanzen und damit den Roman sich bis zur Unkenntlichkeit verfremden. Das ist schon bei Total Recall geschehen, vor allem aber in der mehr als freien Adaption von Blade Runner, bei dessen enormen Unterschieden zwischen Buch und Film man nahezu den Verstand verlieren kann.
Wie sehr die Serien-Adaption von Das Orakel vom Berge, nach dem Originaltitel des Buches The Man in the High Castle benannt, von der Vorlage abweicht und was vom Originalstoff übrig bleibt, ist seit Ende November bei Amazon Instant Video in englischer Originalfassung, ab 18. Dezember dann auch in deutscher Synchonisation zu sehen.

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