Als die Welt das Piepen lernte

Die stillen Zeiten sind vorbei: Spätestens ersichtlich wird dies, sobald man sich einen neuen Wagen setzt und auf das Gaspedal tritt. Dann nämlich geht es los, das große Piepen. Es sind die Abstandssensoriken, die den Autofahrer von heute in einer Tour warnen – nur: wovor bloß? Und macht uns das, was uns vor Folgen der Unachtsamkeit schützen soll, nicht im Gegenzug noch viel unachtsamer?

Ob Ausparken, Einparken, simples Rückwärtsfahren: Offenbar ist nichts gefährlicher als das. Wie sonst kann es sein, dass ein ständiges Piepen im Auto vor Hindernissen warnt, die meist gar keine sind? Grundsätzlich ist es eine Attacke nicht auf Unachtsamkeit, sondern auf den klaren Menschenverstand. So als seien wir nur noch am Steuer eines Wagens damit beschäftigt, die neusten Facebook-Posts zu lesen, die Twitter-Timeline entlangzuscrollen, die neuste Reißernachricht auf Spiegel online zu lesen, eine Nachricht zu schreiben – oder einfach hirnlos.

Diese ständige Warnerei macht vor allem eines: Hektisch. Je lauter, je schneller, je heller das Piepen wird, umso gestresster reißen wir unsere Köpfe hin und her, sehen nur die drohende Gefahr statt den oft noch reichlich vorhandenen Platz – das Piepen im Auto wird zu einem Stressor, der uns ständig Sorgenfalten in die Stirnen rammt und uns ein permanentes „Oh Gott, oh Gott“ ins Hirn pflanzt.

Doch viele nennen diese Warnunen praktisch, selbst dann, wenn sie zuvor Jahrzehnte ohne den kleinsten Zwischenfall die gleichen Tätigkeiten ohne akustische Warnung ausgeführt haben. Warum nur?
Mag es daran liegen, dass wir inzwischen in einer Welt der Statusanzeigen und -signale leben, in der nichts mehr geht ohne die akustische und visuelle Bestätigung, dass da etwas in Bearbeitung ist, im Fotschreiten, im Beenden – das einfach etwas da ist, das etwas tut, und wenn es nur unseren Abstand zu Gegenständen misst und uns notfalls warnt?
Dann sind es die Signale als solche, die uns Gewissheit und Sicherheit geben – und ihr Fehlen und Ausbleiben lässt uns allein und hilflos erscheinen.

Nur was heißt das für uns? Wenn mein Auto unablässig piept, und ich nicht weiß, wieso, fühle ich automatisch Gefahr. Die Maschine ist es, die über Gefahr und Sicherheit entscheidet, nicht mehr wir selbst. Und wir lassen uns anstecken, weil wir ihr glauben.
Mehr noch: Wir fallen auf falsche Signale und Reize herein. Denn nicht die Umgebung ist es, die uns unter Druck setzt: Es sind die Signale, die uns Sensoren einfach vermitteln. Wir verwechseln die Stressoren: Wir denken, die Warnungen bewahren uns vor Hindernissen und geben uns Sicherheit, dabei sind es die Signale selbst und nur sie, die uns in Gefahr bringen, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Eine Existenz, die auf Funktion beruht, nicht auf Sinnhaftigkeit. Gäbe es im Auto kein Piepen mehr, fehlte uns eine Funktion und den Herstellern ein Argument. Sie würden einen Sicherheitsaspaket vernachlässigen, sie würden einfach etwas Etabliertes nicht tun – unmöglich.
Dieses anfangs so banale Piepen im Auto hat also einige Sprengkraft: Es raubt uns das Urvertrauen in die Umwelt und uns selbst. Es entmündigt uns, weil es und vollständig in die Hände eines technischen Systems legt. Wir reagieren und fühlen uns gut dabei, weil wir beschützt glauben und wir fühlen uns schlecht, wenn wir auf uns allein gestellt sind.

Eine Machtergreifung der Signale, auf die wir reagieren und die ins uns als Reize Vorgänge auslösen, neuronale Feuer entfachen und an die wir uns gewöhnen, selbst wenn sie uns unter Stress setzen. Eine Umkehrung von Ruhe und Druck. So piept um uns die Welt immer mehr, spiegelt uns Schutz vor und zeigt uns ständig: Alles gut, so lange alles um uns aktiv geschaltet ist.
Nur wir: Wir sind hier das Passiv.

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